Was hat sich 10 Jahre nach Lehman geändert?

Dr. Francesc Rodriguez Tous, Cass Business School / © Cass Business School

„Es ist schwierig, eine einzige Erbschaft vom Lehman-Crash auszuwählen. Wenn ich mir eine aussuchen müsste, vor allem aus akademischer und politischer Sicht, wäre es die Erkenntnis, dass der Finanzsektor für die makroökonomische Stabilität von Bedeutung ist.

Vor Lehman – und vor der Entwicklung des schlimmsten Teils der Finanzkrise – waren sich Politiker einig, dass der Finanzsektor mit dem Umfang an Regulierung und Aufsicht, den er anwandte, sicher sei. Schlimmer noch, makroökonomische Stabilität war gar kein Thema. Ausschlaggebend war – einzig und allein – die Inflationsstabilität. Dieses massive intellektuelle Versagen hatte und hat immer noch Folgen, da Arbeitslosigkeit und Armut zu einem Anstieg der populistischen Bewegungen um die am stärksten konsolidierten Demokratien der Welt geführt haben.

Heute sind die Banken eindeutig besser dran als vor der Krise. Die Solvabilitäts- und Liquiditätszahlen haben sich deutlich erhöht, es gibt Regelwerke für Notfallpläne und Abwicklungen, und die Chief Risk Officers spielen eine Schlüsselrolle im Bank-Management.

Allerdings gibt es noch einige Bedenken. Viele glauben, dass die Zahlungsfähigkeit nicht so hoch ist, wie sie sein sollte. Vor allem europäische Banken haben weiterhin einige Altlasten wie notleidende Kredite und Bußgelder, die sie beseitigen müssen. Großbanken im Allgemeinen haben Schwierigkeiten, die Rentabilität zu steigern. Und nach der Finanzkrise wissen wir, dass es viele Unbekannte gibt und dass Risiken sich an unerwarteten Orten materialisieren können.

Die Regulierungsbehörden sind heutzutage viel wachsamer geworden, aber die Antwort darauf, ob so was wieder passieren könnte, ist offensichtlich ja; die Wahrscheinlichkeit ist zwar geringer, aber leider besteht sie immer noch.“

Kommentar von Dr. Francesc Rodriguez Tous,
Cass Business School