Warum Italiens Banken auseinanderbrechen

Neil Dwane

Neil Dwane, internationaler Stratege bei AllianzGI, sagt, die Krise der italienischen Banken wird durch ein System vieler ineinander verschlungener Kreise verursacht. Daran sind Banken, Wähler, Politiker und Regulierungsbehörden beteiligt, die die Problematik von einem zum anderen weitergeben. Dies könnte fatale Folgen für Italien und Europa haben.

Die italienische Bankenkrise beruht auf einem System borromäischer – also miteinander verschlungener – Ringe, das Banken, Wähler, Politiker und Regulatoren umfasst. Kommt einer dieser Ringe unter Druck, wird dies an die anderen Ringe weitergegeben. Das könnte schwerwiegende Folgen für Italien und Europa haben. Italiens Bankensystem könnte ein Europa, das bereits durch den Brexit geschwächt ist, weiter unterminieren. Die wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen italienischen Banken, die in großem Ausmaß öffentliche Anleihen halten, und dem Staat schafft eine große Verwerfungslinie. Angesichts des eingeführten “Bail-In”-Systems, dem zufolge bei Schieflage einer Bank zunächst die Gläubiger – also Anleihehalter – und erst zuletzt der Steuerzahler herangezogen werden soll, steckt Premierminister Renzi in der Zwickmühle: Entweder verärgert er sein Wahlvolk oder Brüssel. Seine Reformbemühungen stehen im Oktober beim Referendum über die Verfassungsreform mit zur Abstimmung. Derweil gewinnt die anti-EU-Partei „Fünf-Sterne-Bewegung“ an Zustimmung. Im bestehenden EZB-Transfermechanismus (TARGET2) ist Deutschland einer der größten Gläubiger gegenüber den schwächelnden Bankensystemen in der Euroland-Peripherie, wie zum Beispiel Italien. Mit den ebenfalls im Oktober anstehenden Volksbefragungen in Österreich und Ungarn steigt das Risiko weiterer EU-Austritte. In einem derartigen Zusammenhang könnten die TARGET2-Salden zu einem Politikum werden. Die notleidenden Kredite belaufen sich auf rund 20 Prozent des italienischen BIP. Nichtsdestoweniger haben die Banken und Regulatoren das Problem bislang ignoriert. Die jüngsten Bemühungen, die Banken zu rekapitalisieren, sind unzureichend. Demzufolge können die Banken ihrer eigentlichen volkswirtschaftlichen Funktion weiterhin nicht nachkommen. Für Europa und die EZB ist die aktuelle Lage peinlich, da sie – unter anderem durch die schlechte Regulierung des Bankensystems – mitschuldig hieran sind. Eine nachhaltige wirtschaftlichen Erholung wird dadurch verhindert. Italien könnte eine neue europäische Bankenkrise auslösen. Anders als im Falle Griechenlands oder Zyperns könnte dies aber nicht unter den Teppich gekehrt werden: Italien ist schlichtweg zu groß und bedeutend für Europa. Im Ergebnis geht von Italien eine erhöhte Unsicherheit und Volatilität sowohl für die Politik als auch für die Banken aus, die voraussichtlich im ganzen Jahr 2016 anhalten wird. Währenddessen stehen in den wichtigen europäischen Kernländern Niederlande, Frankreich und Deutschland wichtige Wahlen an.

Ein Kommentar von Neil Dwane, internationaler Stratege bei AllianzGI.

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