„Warum Finanzmarktprognosen derzeit Makulatur sind“

(fw/rm) Schon bei den Prognosen rund um den Brexit wurde das mehr als deutlich: Zum einen galt dieser als sehr unwahrscheinlich. Doch wenn er eintreffen würde – darin waren sich die Ökonomen fast alle einig – würde nicht nur Großbritannien in eine Rezession gestürzt, auch der Euroraum würde massiv leiden. Der Brexit kam – und die europäischen und englischen Aktienindizes notieren Wochen danach höher als zuvor. Und auch in Europa macht sich kein Wirtschaftsabschwung bemerkbar, sondern wichtige Stimmungsindikatoren ziehen leicht an.

Politische Unsicherheit ist groß

Es stellt sich die Frage, wo die verlässlichen Größen sind? Sie scheinen abhandengekommen zu sein. Fangen wir mit ganz fundamental wichtigen Entscheidungen an. In den USA stehen die Präsidentschaftswahlen an. Die beiden aktuellen Kandidaten verkörpern stark abweichende Vorstellungen über die außenpolitische und wirtschaftliche Rolle der USA. Beide Kandidaten können für ihr Land und auch die gesamte Welt sehr prägend werden. Auch wenn es einen Favoriten gibt, will sich kein politischer Beobachter bereits jetzt wirklich festlegen. Folglich sind die Indikatoren für politische Unsicherheit in den USA in die Höhe geschnellt und werden bis in den November hinein hoch bleiben. Und was macht die wichtigste Notenbank der Welt, die US-Zentralbank? In den USA schien lange alles auf eine Zinsanhebung im Sommer 2016 hinauszulaufen. Im Frühjahr 2016 wurde dann ein Zinsschritt im laufenden Jahr ausgeschlossen, dann waren sich die Analysten einig, dass es im Dezember 2016 soweit sein würde. Inzwischen ist wieder der Termin im Herbst in den Fokus gerückt. Dabei ist eigentlich bekannt, dass die FED es kurz vor US-Präsidentschaftswahlen prinzipiell vermeidet, die Geldpolitik zu verändern. Es ist also weiter alles offen. Weil die Meinungen über die Ausrichtung der US-Notenbankpolitik in den letzten Monaten zu oft gedreht haben, sind auch viele Finanzmarktprognosen zur Makulatur geworden. Der US-Dollar hat viel schwächer performt als erwartet, die Rentenmärkte dagegen haben höhere Kursgewinne eingefahren als prognostiziert. Und der Goldpreis ist entgegen allen Erwartungen um 30 Prozent gestiegen. Ähnliches gilt für die Aktienmarktprognosen, insbesondere nach dem Brexit. Aufgrund der vielen Fehlprognosen sind die Analysten derzeit sehr zurückhaltend was neue Vorhersagen betrifft. Und das vergrößert die Markt-Verunsicherung nur noch mehr.

Dahinplätschern der Weltkonjunktur

Wie gehen wir mit der fehlenden Verlässlichkeit um? Bei der Weltkonjunktur geht das Dahinplätschern weiter. Was die USA vielleicht an Wachstum auf Sicht von zwölf Monaten zulegt, könnte China durch ein sanftes konjunkturelles Abgleiten wieder wegbügeln. Möglicherweise kommen die Überraschungen aus den Emerging Markets. Die stark nachgebenden Rohstoffpreise sind inzwischen verarbeitet, die Anpassung an das langsame Weltwirtschaftswachstum hat stattgefunden, sodass diese Region positive konjunkturelle Überraschungen bereithalten könnte. Von den Notenbanken erwarten wir nicht viel. Die FED wird auf Sicht von zwölf Monaten die Zinsen noch zweimal anheben und die EZB wird geradeaus fahren. In diesem Umfeld erwarten wir in Europa keine grundlegende Richtungsänderung an den Rentenmärkten, wenngleich die Zins-Tiefpunkte erreicht sein könnten. Die Aktienmärkte werden wahrscheinlich zulegen können – alleine schon aufgrund des Mangels an Alternativen. Ein schwaches Argument, aber immerhin ein verlässliches.

 Marktkommentar von Dr. Otmar Lang, Chefvolkswirt der TARGOBANK

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