Wächst China wirklich um sieben Prozent?

Das Wirtschaftswachstum in China hat seinen Charakter geändert und das bleibt nicht folgenlos.

Wächst China wirklich um sieben Prozent? Das ist unserer Ansicht nach die völlig falsche Frage. Trotzdem ist dies eine der Fragen, die uns derzeit am häufigsten gestellt werden. Stattdessen sollte man lieber fragen: Was genau wächst eigentlich in China? Und was bedeutet dies für Chinas wirtschaftliche Zukunft sowie für die internationalen Aktienmärkte?

China hat gerade seine aktuellen Wirtschaftsdaten für das dritte Quartal veröffentlicht. Demnach wies China im dritten Quartal ein Wirtschaftswachstum von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr auf. Für China ist dies natürlich ein relativ geringes Wachstum, da es jahrelang bei über zehn Prozent lag. Doch für die Finanzmärkte, die in den letzten Monaten und eigentlich auch schon in den letzten drei Jahren, besorgt nach China blickten, wirken sieben Prozent fast schon utopisch hoch.

Können wir den chinesischen Zahlen vertrauen?
Es wird schon seit langem diskutiert, inwieweit man sich auf Zahlen aus China verlassen kann. Obgleich China ein Land mit über 1,4 Milliarden Einwohnern ist und daher auch viele Daten auszuwerten hat, veröffentlicht es stets als erstes der großen Länder seine Wirtschaftsdaten, sogar einige Wochen früher als die USA. Außerdem werden die offiziellen Wirtschaftsdaten der USA in den Wochen nach der Veröffentlichung und in den folgenden Jahren noch korrigiert, sobald genauere Daten vorliegen. Die chinesischen Wirtschaftsdaten hingegen werden nur selten korrigiert.

Wir möchten betonen, dass wir uns hinsichtlich dieser Wirtschaftsdaten mehr Transparenz und Klarheit wünschen. So vermissen wir eine quartalsweise Aufteilung in Posten wie öffentlicher Verbrauch, Investitionen und Privatverbrauch. Wir wissen auch, dass die chinesischen Behörden zumindest in der Vergangenheit viele dieser Daten manipuliert haben. Berücksichtigt man jedoch, dass China noch ein Schwellenland ist, so liefert es tatsächlich im Vergleich eine Menge Daten von guter Qualität. Insbesondere in den letzten zehn Jahren erscheinen auch mehr private (also unabhängige) Wirtschaftsinformationen. Insofern unterscheidet sich China positiv von anderen Schwellenländern.

Wenn wir uns die mehr als 50 verschiedenen Einzeldaten ansehen und diese mit dem angeblichen Gesamtwachstum vergleichen, so deutet viel darauf hin, dass das chinesische Wirtschaftswachstum in den letzten Jahren bei etwa sechs Prozent gelegen hat. Offiziell waren es sieben Prozent. Das ist natürlich etwas geringer, doch gewiss kein Anzeichen dafür, dass China am Rande einer Rezession oder gar eines Kollapses stünde.

Das alte und das neue China
Dies führt zu der Frage, die sich unserer Meinung nach alle Anleger stellen sollten: Was genau wächst eigentlich in China? Und wo sieht es möglicherweise nicht so rosig aus?

Vor einigen Jahren begannen wir vom „alten“ und vom „neuen“ China zu sprechen. Das alte China, das sind der Baubereich, die Schwerindustrie und exportorientierte Unternehmen. Zweifellos ist dieses alte China in Schwierigkeiten. So stagnierte beispielsweise die Bautätigkeit nach 15 Jahren ständigen Wachstums in den letzten beiden Jahren und war im ersten Halbjahr 2015 sogar deutlich rückläufig.

Die Schwerindustrie, darunter die rohstoffverarbeitende Industrie und die Chemieunternehmen, leiden einerseits unter der geschwächten Bautätigkeit und andererseits unter der Kampagne der Regierung gegen Korruption und Umweltverschmutzung. Zudem zeigten die traditionellen Exportmärkte Chinas, zu denen insbesondere Europa und die USA gehören, bis vor kurzem ein relativ schwaches Wachstum. Dies und die stärkere chinesische Währung haben den traditionellen exportorientierten Unternehmen Chinas Schwierigkeiten bereitet. Einige Bereiche des alten Chinas befinden sich also tatsächlich in Rezession, andere können gerade noch ein Nullwachstum aufrechterhalten und manche erleben ein sehr schwaches Wachstum, insbesondere im Vergleich zu früher.

Deutlicher Boom in bestimmten Bereichen
Wenn wir uns das „neue“ China anschauen, ergibt sich jedoch ein völlig anderes Bild. Dieses neue China besteht beispielsweise aus Internetunternehmen, Online-Händlern, grüner Energie, Verkehrswesen, Logistik, Unterhaltungsindustrie, Reiseunternehmen und in zunehmendem Maße aus dem Export von technologisch modernen, selbstentwickelten Produkten wie Mobiltelefonen und Netzwerkausrüstungen. Vor allem der Dienstleistungsbereich wächst also deutlich.

Hier können wir in einigen Bereichen zweistellige Zuwachsraten verzeichnen und teilweise sogar einen regelrechten Boom. So stiegen während der letzten nationalen Urlaubswoche die Kinoeinnahmen im Vergleich zum Vorjahr um 70 Prozent. Im Bereich der Logistik hat sich die Anzahl der in Festlandchina ausgelieferten Expresspakete von 2009 bis 2014 mehr als versechsfacht, was zugleich ein Phänomen des Internetbooms in China ist.

Der Dienstleistungsbereich schafft mehr Arbeitsplätze, als es der herkömmliche Industrie- und Baubereich konnte. Daher zeigt der Arbeitsmarkt trotz Rückgang der Zuwächse von über zehn Prozent auf sechs oder sieben Prozent keine Abschwächung. Wir verzeichnen eine niedrige Arbeitslosigkeit und deutliche Lohnsteigerungen. Somit steigt für die meisten Chinesen der Lebensstandard weiterhin.

Die Herausforderung für den Anleger
Doch damit kommen wir zur größten Herausforderung für Anleger und Analytiker. Wenn wir nach vorne blicken, wird es das alte China auch weiterhin sehr schwer haben. Die Umweltschutzkampagne der Behörden wird noch viele Jahre weitergehen. Der Immobilienmarkt wird unserer Einschätzung nach bestenfalls stagnieren. Und obgleich wir für Exporte nach China ein besseres Klima erwarten, meinen wir doch, dass die Zeiten eines Exportbooms hinter uns liegen.

Die Herausforderung besteht also darin, dass die meisten Daten, die wir aus China erhalten, sich gerade auf die Bereiche beziehen, die es jetzt und wahrscheinlich auch künftig am schwersten haben. Zugleich sind genau dies die Bereiche, von denen die internationalen Unternehmen bisher am meisten profitiert haben, z. B. durch Export von Rohstoffen oder Baumaschinen nach China.

Das neue China hingegen wird ein ordentliches Wachstum zeigen. Und natürlich können ausländische Unternehmen und Anleger auch hiervon profitieren. Doch weil China künftig zunehmend in der Lage ist, die entsprechenden Produkte selbst herzustellen, wird es für ausländische Unternehmen dann wieder schwieriger, an diesem Wachstum teilzuhaben.

Positiv für internationale Aktien
Insgesamt sieht unsere Schlussfolgerung folgendermaßen aus: Wir erwarten für China in den nächsten zwei bis drei Jahren ein Wirtschaftswachstum in Höhe von sechs bis sieben Prozent. Kurzfristig rechnen wir mit einer leichten Erholung des „alten“ Chinas, da der Immobilienmarkt wieder leicht und Infrastrukturinvestitionen stark zulegen werden. Langfristig sind dies jedoch die Bereiche, die vor den größten Problemen stehen. Dagegen erwarten wir weiterhin starke Zuwächse für das „neue“ China. In einigen Bereichen wird China erheblich zulegen, weil dort einige Entwicklungsschritte, die die westlichen Länder durchlaufen mussten, praktisch übersprungen werden können.

Voraussetzung für Wirtschaftswachstum ist jedoch ein gut funktionierendes Finanzsystem. Wir wundern uns mitunter darüber, nach welchen Gesichtspunkten das Bankensystem Kredite verteilt und würden gerne eine deutlich bessere Ausstattung gerade von kleinen und mittelständischen Unternehmen mit Kapital sehen. Doch ein Finanzsystem, das seine Kassen ganz verschlossen hielte, wäre noch schlimmer als eines, das dem privaten Sektor immerhin einiges an Krediten zur Verfügung stellt – wenn auch noch nicht so viel, wie wir uns wünschen. Glücklicherweise haben die Behörden in den letzten Jahren sehr viel für die finanzielle Stabilität getan. Wir rechnen damit, dass diese Anstrengungen auch zukünftig unternommen werden. Somit ergibt sich als klare Schlussfolgerung: Weiterhin Wachstum in China, aber auf niedrigerem Niveau und in anderen Bereichen als früher.

Kurzfristig ist dies einer der Gründe dafür, als Anleger ein leichtes Übergewicht in chinesischen Aktien zu halten. Die Unruhe an den internationalen Aktienmärkten im August hatte ihren Grund in teilweise übertriebenen Sorgen um China. Wenn diese Sorgen abnehmen, werden die Aktien weiter steigen. Längerfristig sind die wirtschaftlichen Umstrukturierungen in China Grund dafür, dass wir weiterhin optimistisch für die Weltwirtschaft sind, da wir nicht mit einem Zusammenbruch der chinesischen Wirtschaft rechnen. Freilich bedeuten die trüben Aussichten für das „alte“ China, dass eine Reihe von Ländern, die seit der Jahrtausendwende erheblich vom chinesischen Wachstum profitiert haben, nun den Gegenwind zu spüren bekommen. Und das wird wehtun!


Autor: Bo Bejstrup Christensen, Chefanalytiker bei Danske Invest

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