Voll auf Angriff

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Nicht nur die Versicherer selbst haben das Thema Digitalisierung auf ihrer Agenda weit nach oben gerückt. Die deutsche Wirtschaft insgesamt profitiert von der rasanten technologischen Entwicklung. Und schafft sich damit gleichzeitig neue Risiken. Vor allem im Mittelstand steigt damit die Nachfrage nach adäquaten Versicherungslösungen.

Die deutschen Versicherer gehen in die digitale Offensive. Doch wie sieht es eigentlich auf der Kundenseite aus?

Neue Risiken durch die Digitalisierung.

Jens Lison, Vorstand des Firmenkundengeschäfts in der Allianz Versicherungs-AG, sieht eine erhöhte Gefahrenlage für die deutsche Wirtschaft: „Durch die Digitalisierung ergeben sich neue Risiken für Unternehmen, wie beispielsweise Cyber-Angriffe und Datendiebstahl.“ Dadurch erhöhe sich generell die Zahl der Haftungsfälle. Und in der Tat gilt grundsätzlich auch im Onlinebereich, dass derjenige, der eine Gefahrenquelle schafft, dafür Sorge zu tragen hat, dass Dritte keinen Schaden erleiden. Eine Möglichkeit hierzu ist laut Lison die Absicherung des Datentransfers mittels geschützter Übertragungssysteme. Verbindliche gesetzliche Regelungen, welchen Sorgfaltsmaßstab der Unternehmer hier anzulegen hat, gebe es aber nicht. Lison: „Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik hat jedoch Vorgaben zur Orientierung veröffentlicht.“ Auch Dirk Kalinowski, Experte für IT-Risiken bei AXA, warnt vor Sorglosigkeit: „Die Digitalisierung führt zu einer erhöhten Abhängigkeit der Unternehmen von der Funktionsfähigkeit der IT, dem Zugriff auf Daten und der Leistungsfähigkeit des Internets.“ Damit verbunden seien neue Risiken wie zum Beispiel Denial-of-Service-Angriffe, Manipulationen durch Hacker sowie der Verlust von Daten oder der illegale Zugriff auf sehr große Datenmengen. Zwar ergäben sich hieraus keine neuen Haftungstatbestände, da die Haftungsgrundlagen gegenüber Dritten wie beispielsweise Verbrauchern unverändert blieben. Aber, so Kalinowski: „Womöglich kommt es künftig stärker zu Ansprüchen beziehungsweise Klagen auch von Verbraucherschutzorganisationen sowie zu Schäden von weitaus größerem Ausmaß.“ Daher werde sich die Haftungssituation für Unternehmen verschärfen.

Auch die Versicherer selbst als Wirtschaftsunternehmen haben sich die Frage zu stellen, ob sie alles Erforderliche für die Datensicherheit ihrer Kunden tun. Heiko Scholz, Hauptabteilungsleiter des Bereichs Vertriebsmarketing Barmenia Versicherungen, sieht seinen Konzern in diesen Belangen allerdings gut gerüstet: „Wie in allen anderen Geschäftsbereichen auch beachtet die Barmenia im Rahmen ihrer Digitalisierungsmaßnahmen die Vorgaben des BDSG und ist darüber hinaus auch dem Code of Conduct der Deutschen Versicherungswirtschaft beigetreten.“ Mit diesen neuen Verhaltensregeln wird transparenter, was von der Antragstellung bis zur Schadenregulierung mit personenbezogenen Daten geschieht. Der Datenschutzkodex wurde gemeinsam von deutschen Datenschutzbehörden, dem Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv), dem GDV und seinen Mitgliedern entwickelt und im März 2013 veröffentlicht. Der GDV war damit der erste Verband in Deutschland, der für eine freiwillige Selbstverpflichtung zum Datenschutz die Zustimmung der Datenschutzbehörden erhalten hat.

Wo immer neue Risiken lauern, entstehen
natürlich auch neue Geschäftschancen.

Folglich muss der Vertrieb sich auch mit der Frage beschäftigen, welche Unternehmensbranchen sich für eine Digitalisierung ihres eigenen Geschäfts besonders anbieten. Generell möchte sich Lison hierzu nicht festlegen, dazu fehlten detaillierte Informationen. Gleichwohl habe die Allianz für ihre Cyberprodukte in erster Linie Firmen im Blick, die viel mit Kunden- und/oder Kreditkartendaten arbeiteten, wie beispielsweise der Onlinehandel. Lison: „Zudem bieten im Heilwesenbereich gerade Krankenhäuser und Ärzte mit ihren vielen sensiblen Daten Angriffsflächen für Cyberattacken.“ Auch produzierende Betriebe, deren Produktion IT-gesteuert sei, könnten im Fokus der Cyberkriminalität stehen. Für Frank Kettnaker, Vorstand Vertrieb und Marketing im ALTE LEIPZIGER – HALLESCHE Konzern, ist ein bestimmter Wirtschaftssektor besonders interessant: „Effizienzvorteile aus der Digitalisierung der Prozesse ergeben sich auch aus Skaleneffekten. Daher bieten sich die kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) aus den Bereichen Handel, Handwerk und teilweise auch produzierendem Gewerbe an.“ Diese Betriebsarten im „German Mittelstand“ bildeten das volkswirtschaftliche Rückgrat, seien in großer Anzahl in Deutschland vertreten und könnten eher als die sehr individuelle Großindustrie mit systematisierten Fragen und Analysetools beraten und auf die Risikolage sensibilisiert werden. Sein Unternehmen unterstütze diese Vorgehensweise dadurch, dass für definierte Betriebsarten spezifische Produktlösungen und dazu passende Frage-/Analysebögen zur Verfügung stünden. Kettnaker: „Die digitalisierten Prozesse erlauben es zunehmend, auch gewerbliche Versicherungen in definierten Branchen dem Endverbraucher, also dem Unternehmer, als ‚self-service-Angebot‘ im Internet anzubieten.“

Dass es aber auch für die Versicherungswirtschaft selbst noch viel Platz und Raum für Kreativität in den verschiedensten Unternehmensbereichen gibt, dürfte außer Frage stehen. So erläutert Thomas Heigl, Vorstand Versicherungsgruppe die Bayerische: „Dabei kommt es darauf an, die Wege zwischen Kunden, Beratern und Anbietern zu verkürzen und so eine verbraucherorientierte Plattform für persönliche Kommunikation, Informationsaustausch und sichere sowie einfache Interaktion zu schaffen.“ Gerade in den vergangenen Monaten sehe man spannende neue Impulse am Markt, wie etwa mit InSign der digitalen Unterschrift oder der einfachen Risikoprüfung online. Dennoch steht die Branche bei dem Thema noch am Anfang. Digitalisierung ist kein Selbstzweck und auch nicht geeignet, damit lediglich Kostensenkungspotentiale zu verbinden. Digital soll eben Prozesse nicht nur „billiger“ machen, sondern den Bedarf von Kunden und Beratern ansprechen und genau darauf ausgerichtet sein. „Dabei besteht auch das Risiko, mal Fehler zu machen – aber das muss man einkalkulieren“, sagt Heigl. (hwt)

Printausgabe 01/2016