Viele offene Fragen

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Trotz aller datenschutzrechtlichen Bedenken, die immer wieder in Diskussionen einfließen, gehört Telematiktarifen in der Kraftfahrtversicherung die Zukunft. Wer persönliche Daten bereitwillig bei facebook & Co. preisgibt, wird auf solche preiswerte Kfz-Policen kaum verzichten.

Es bleibt jedoch die Frage, wie schnell die Versicherer die damit verbundenen Kalkulationsprobleme in den Griff bekommen. Zwei Meldungen zur aktuellen Lage: Die Generali Versicherungen konzentrieren sich im Maklergeschäft auf Komposit mit neuen Smart-Insurance-Produkten wie beispielsweise Telematik und Domotics und das Firmenkundengeschäft. Zudem soll zum 1. Juli dieses Jahres mit „Vitality“ ein innovatives und anreizbasiertes Programm zur Gesundheitsförderung eingeführt werden. „Mit der neuen Offensive im Maklergeschäft wollen wir unseren Maklern das ‚Beste von Allem‘ bieten“, erläutert Giovanni Liverani, Vorstandsvorsitzender der Generali Deutschland. Ziel sei es, bei Smart-Insurance-Produkten eine Vorreiterrolle einzunehmen. Liverani fügt an: „Dank moderner und smarter Innovationen werden sie das Leben unserer Kunden einfacher und sicherer gestalten. Unser Anliegen ist es, mit neuesten Innovationen die Qualität unserer Leistungen zu erhöhen und den Schutz unserer Kunden zu vergrößern.“

Ein Pionier gibt auf.

Dagegen steht die zweite Meldung: Die Sparkassen DirektVersicherung hat ihr Telematik-Angebot „S-Drive“ zum Jahresende 2015 eingestellt. Dabei war das Unternehmen in Deutschland Pionier auf diesem Gebiet. Allerdings hätten sich die Kosten nicht gerechnet – bei nicht einmal 450 Euro durchschnittlicher Prämie im Kfz-Versicherungsmarkt produziere das System für jeden Kunden, der es installiere, rund 100 Euro jährlich. Allerdings sei ein alternatives Instrument für die Zukunft geplant, ließ der Versicherer wissen. Das hat gute Gründe. Bislang bietet zwar nur eine Handvoll Versicherer Telematiktarife an, die umsichtiges Fahren mit individualisierten Prämienrabatten belohnen (Pay-as-you-drive). Doch das wird sich relativ rasch ändern. Pilotprojekte laufen und es gibt keinen Versicherer, der sich nicht mit der Thematik beschäftigt. Die Möglichkeiten in Produktgestaltung, Serviceangebot und Kundenbindung sind laut Versicherungsforen Leipzig vielfältig und müssen im hart umkämpften Kfz-Versicherungsmarkt genutzt werden.

Unfallmelde-App macht es schneller.

Dass dieses Thema derzeit so sehr an Fahrt aufnimmt, liegt aber auch an der verpflichtenden Einführung des elektronischen Notrufsystems E-Call. Ab März 2018 werden alle Autohersteller diese Geräte in ihre Grundausstattung aufnehmen müssen. Darüber hinaus haben die deutschen Kfz-Versicherer vor wenigen Tagen ihren Unfallmeldedienst in Betrieb genommen. Das neue Notruf-System meldet einen Unfall automatisch an eine Notrufzentrale, die im Fall eines schweren Unfalls sofort Rettungsmaßnahmen einleitet. Er kann in nahezu allen Autos nachgerüstet werden. Registriert der Stecker einen Unfall, sendet er diese Information an eine Unfallmelde-App auf dem Smartphone des Autofahrers, die den Unfall an eine Notrufzentrale meldet. „Dank des Unfallmeldedienstes werden die Rettungskräfte in vielen Fällen deutlich schneller am Unfallort sein als bisher. So helfen wir, Leben zu retten und Verletzte so schnell wie möglich zu versorgen – denn in einem Notfall kommt es auf jede Minute an“, sagt Peter Slawik, Vorsitzender des Fachausschusses Kraftfahrtversicherung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV).

Verbraucher mit ins Boot nehmen.

Bis zu einer wirklichen Marktdurchdringung mit Telematiktarifen muss jedoch noch eine ganze Reihe von Fragen geklärt werden. Zum Beispiel die, wie man zu verlässlichen Scores für die Prämienkalkulation kommen will. Sensoren müssen hundertprozentig akkurat arbeiten, es gilt in Hülle und Fülle Daten zu sammeln – und es müssen aktuarielle Auswertungsverfahren geschaffen werden. Und dies alles vor dem Hintergrund, dass die Versicherer auf keinerlei Erfahrungswerte zurückgreifen können. Doch die Branche steht, so eine Studie der Roland Berger Unternehmensberatung, unter Zugzwang. „Die Unternehmen müssen Konzepte und attraktive Angebote entwickeln, um Kunden zu motivieren, ihre Daten mit ihnen zu teilen.“ Ansonsten liefen sie Gefahr, in eine Abhängigkeit von branchenfremden Akteuren zu geraten und Teile der Wertschöpfung der Kfz-Versicherung zu verlieren.

Vieles noch unklar.

Es bleibt beispielsweise die Frage, in wieweit die Autofahrer zu einer Weitergabe ihrer persönlichen Nutzungsdaten überhaupt gewillt sind – darüber entscheidet sich schließlich die Zukunft des Modells. Nicht wenige Datenschützer zeigen sich eher nachdenklich. So könnten aufgezeichnete Unfalldaten Schadenersatzansprüche nach sich ziehen, für Ordnungswidrigkeitsverfahren oder sogar für Strafverfahren herangezogen werden. Andererseits stellt sich das Problem, dass der Halter und der Fahrer eines Autos nicht identisch sein müssen. Das erschwert nicht nur die Tarifierung. Zusätzlich wird – neben dem Halter – auch der jeweilige Nutzer des Fahrzeugs sich mit der Erhebung, Verarbeitung und Nutzung personenbezogener Daten einverstanden erklären müssen. Es gibt also noch viel Arbeit zu erledigen, für Versicherer, für Datenschützer und natürlich auch für die Makler. Letztlich werden sie künftig noch mehr Anbieterforschung betreiben – und mehr Überzeugungsarbeit beim Kunden zu leisten haben. (hwt) (Telematik bei Kfz-Versicherungen / finanzwelt 02/2016)