Neue Wege gehen

Foto: © JenkoAtaman - Fotolia.com
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Die Vorsorgebereitschaft der Deutschen für eine Pflegebedürftigkeit ist, diversen Umfragen und Studien zufolge, durchaus vorhanden. Versicherer werben mit optimal abgestimmten Produkten zur privaten Vorsorge. Dennoch stockt der Vertrieb. Ein Expertenteam aus Hessen rät allen Versicherungsvermittlern zu einer weiter reichenden Sicht auf das Thema. Und hilft ihnen dabei.

Die Regierung fordert und fördert die private Vorsorge – ist die Pflegepflichtversicherung vom Grundsatz her doch schon immer nur als Grundpfeiler zu verstehen gewesen. Gleichzeitig kommt der Absatz eben jener Produkte, trotz aller noch so großen Bemühungen, nicht so richtig ins Rollen. Woran das liegt, ist ebenso schwer zu erklären wie zu verstehen, denn in der Theorie gibt es eine Nachfrage, also Vorsorgebereitschaft, und genügend Angebote, also Produkte. Nimmt man nun noch die aktuell geringe Absicherungsquote hinzu, befinden wir uns, marktwirtschaftlich gesehen, auf einer saftigen, grünen Wiese. Da sich die Absicherungsquote aber in der Realität nicht großartig nach oben bewegt und auch die aktuellen Bemühungen nicht die gewünschten Erfolge erzielen, wäre es für den Vertrieb durchaus sinnvoll, sich nach weiteren Lösungsansätzen umzusehen.

Seit Juni 2014 beschäftigt sich der Verein „Autonomia e. V.“, mit Sitz in Mörfelden-Walldorf, mit dem Thema Pflege in seiner Gesamtheit. Hierzu gehören sowohl Vorsorgevollmachten, Patientenverfügungen und Bankvollmachten als auch eine private Pflegekostenabsicherung, die Angehörigenhaftung, die neuen Pflegestärkungsgesetze (PSG I und II) und die (Familien)Pflegezeitgesetze. Michael Hardt, 1. Vorsitzender des Vereins, erklärt: „Dahinter steckt die Idee, sowohl die Versicherungsvermittler in Bezug auf die Aufklärung zum Thema Pflege und Vorsorge zu entlasten als auch der niedrigen Absicherungsquote auf dem Umweg über eine neutrale Institution einen deutlichen Aufschwung zu bescheren.“ Dieses komplexe Thema werde jedem Einzelnen so erklärt, dass dieser auch die Notwendigkeit erkenne, endlich dafür Vorsorgen zu treffen. Gerade hierbei ist es nicht immer hilfreich, das Thema so zu verkomplizieren, dass der Einzelne mit Angst und Ablehnung reagiert.

Eine ausreichende private Pflegekostenabsicherung gehört genauso
zu einer ganzheitlichen Beratung wie auch jegliche
Vollmachten und Verfügungen.

Viele Vermittler scheinen das Problem jedoch nicht ohne kompetente Unterstützung lösen zu können. Oft wird von Seiten des Vertriebes beklagt, dass er neben den Details zu den verschiedensten versicherungstechnischen Produkten auch noch über detaillierte Informationen zu einem so komplexen Thema wie dem der Vorsorge verfügen soll, um den Menschen eine ganzheitliche Beratung anbieten zu können:

  • Was passiert, wenn keine Vorsorgen getroffen werden?
  • Was wird in einer Vorsorgevollmacht/Patientenverfügung festgelegt?
  • Unter welchen Umständen sollte eine Vorsorgevollmacht notariell beglaubigt werden?
  • Muss die Beglaubigung unter allen Umständen bei einem Notar erfolgen?
  • Was ist der Unterschied zwischen einer Betreuungsverfügung und einer Vorsorgevollmacht?
  • Welche gesetzlichen Ansprüche habe ich, wenn ein Angehöriger pflegebedürftig ist/wird?
  • Was kommt durch die neuen Pflegestärkungsgesetze (PSG I und II) auf uns zu?

So sagt Uwe-Matthias Müller, Sprecher Bundesverband Initiative 50Plus e. V.: „Ich glaube nicht, dass die Berater den Mandanten ausreichend klarmachen können, was auf einen Pflegebedürftigen und dessen Angehörige wirklich zukommen kann. Da gibt es aus Sicht des Bundesverband Initiative 50Plus noch sehr viel Nachholbedarf.“ Dies sind nur einige wenige Fragen die in einer solchen Beratung zu beantworten sind.

Dass Pflegebedürftigkeit und Geschäftsunfähigkeit nicht unbedingt zu den attraktivsten Gesprächsthemen gehören, erschwert den Einstieg in eine solche Beratung zusätzlich. Ein Lösungsansatz wäre zum Beispiel, die Vermittler in diesem Teil der Beratung zu entlasten. Hat ein Mensch durch eine intensive und neutrale Aufklärung, zu der auch die Bedeutung einer privaten Pflegekostenabsicherung gehört, eine bessere Einstellung zur privaten Vorsorge, so ist die Wahrscheinlichkeit für den Abschluss einer privaten Pflegekostenabsicherung um einiges höher, als sie es ohne eine Sensibilisierung für das Thema wäre.

Durch Vorsorge alleine ist das Thema jedoch nicht abgeschlossen.

Hat ein Mensch für den Pflegefall und/oder eine Geschäftsunfähigkeit Vorsorgen getroffen, finanziell und durch Vollmachten und Verfügungen, müssen diese Vorsorgen überwacht und bei Bedarf angepasst beziehungsweise verändert werden. Die Lebensumstände eines Menschen oder die gesetzlichen Rahmenbedingungen können sich im Laufe der Zeit verändern. Auch hier wäre ein hoher Aufwand, neben dem „Tagesgeschäft“, seitens der Vermittler erforderlich. Um eine Tatsache kommt zudem niemand herum: Die Lebenserwartung in Deutschland und damit auch die höhere Wahrscheinlichkeit der Pflegebedürftigkeit steigt stetig an.

Um der Problematik der „Fremd-Betreuung“ und der Angehörigenhaftung entgegenzuwirken, ist es von Nöten, sich so früh wie möglich mit dieser Thematik auseinanderzusetzen. §1896 des BGB besagt eindeutig, dass das Betreuungsrecht für alle volljährigen Personen anzuwenden ist. Der Einzelne erwartet persönliche und ganzheitliche Beratung, welche auch verständlich ist. Dieser Herausforderung gilt es sich zu stellen. Auch muss die Bedeutung der Eigenverantwortung in diesem Bereich wieder mehr in den Vordergrund gerückt werden. Sich alleine auf den Staat zu verlassen, ist ein Trugbild. Wie auch immer die Lösung am Ende aussieht, es wäre von Vorteil für alle Beteiligten, wenn sie eher früher als später gefunden wird. Es gilt, den sozialen Sprengstoff, der in diesem Thema steckt, bei all den anderen aktuellen Problematiken, nicht zu verachten. Die Demografie lügt nicht, ebenso wenig wie Zahlen. Manchmal kann es von Vorteil sein die alten Pfade zu verlassen – und neue Wege zu gehen. (hwt)

Onlineausgabe 04/2015