Kommt die Jahresendrallye?

Das Börsenjahr neigt sich dem Ende entgegen. In den vergangenen Jahren bedeutete das für Anleger, dass die Kurse noch mal kräftig anziehen können. Oder ist es in diesem Jahr wieder einmal völlig anders? Zwei Vermögensverwalter – zwei Meinungen.

Pro – Wer nicht kauft, wird sich ärgern!

Die Aussichten für DAX & Co. sind gut. Die Börsen werden es auch 2015 schaffen, eine solide Jahresendrallye hinzulegen. Anleger, die jetzt wegen des Kursrutschs im DAX untätig bleiben, werden sich schon bald ärgern.

Denn der Einbruch ist vor allem ein deutsches Phänomen, mehr als andere Indizes wurde der DAX getroffen – und vor allem von VW nach unten gezogen. Der Schock über die Manipulationen hat zur immer gleichen Reaktion der Börsianer geführt: verkaufen, verkaufen, verkaufen, als gäbe es kein morgen.

Das ist allerdings das Gegenteil wirklich rationalen Handelns. Denn nicht umsonst heißt es: „buy on bad news“ oder zu Deutsch: „Kaufen, wenn die Kanonen donnern“. Demnach müsste jetzt eine gute Zeit sein. Auch wenn uns Skandale wie der um VW Kopfzerbrechen bereiten und durchaus noch einige ganz reale Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft sichtbar werden können: Nur weil ein Konzern manipuliert hat, ist nicht die ganze Welt schlecht.

VW war einer der berüchtigten schwarzen Schwäne, ein Ereignis, das niemand so kommen sah. Jetzt aber ist es da, beschäftigt uns und die Märkte und die BILD-Zeitung auf Seite 1. Aber wie das so ist, mit den Börsenmeldungen als BILD-Schlagzeile: sehr bald sind sie auch wieder vergessen. Der Skandal wird in den kommenden Wochen aus dem Schlagzeilen, später ganz aus den Medien verschwinden – und damit auch aus den Köpfen der Börsianer.

VW ist also eingepreist, weitere Bad News sind nicht in Sicht, das gesamte Szenario eigentlich sogar eher positiv. Was also wird die Börse tun? Sie wird wieder die fundamentalen Daten anschauen.

Und die sind in Ordnung: Der niedrige Ölpreis hält die Energiekosten gering, was Unternehmen wie Verbraucher gleichermaßen freut. Dazu kommt ein schwächelnder Euro, der europäische Güter im Ausland günstiger erscheinen lässt – oder schlicht die Margen der Hersteller erhöht. Sowohl die Binnenkonjunktur wie auch der Export laufen also auf einem soliden Wachstumspfad – trotz VW. Für den DAX bedeutet das bis zum Jahresende meines Erachtens kaum mehr Abwärtspotenzial.

Die alte Börsenregel, wonach man im Herbst Aktien kaufen und bis zum Frühjahr halten sollte, könnte sich in der aktuellen Phase bewahrheiten.

Uwe Zimmer, Vorstand der Vermögensverwaltung Meridio AG


Andreas Goerler
Andreas Görler

Contra – Fundamental ist keine Rallye in Sicht

Historisch betrachtet gehören Dezember-Monate zu den stärksten an der Börse. In den vergangenen 50 Jahren kletterte der DAX beispielsweise durchschnittlich um knapp 1,8 Prozent. Eine Erklärung kann im sogenannten Window-Dressing liegen. Dabei sind es dann oft bereits gut gelaufene Aktien, die von Fondsmanagern gekauft werden und dann nochmals zulegen. Oft werden hierbei etwas marktengere Werte bevorzugt, bei denen bereits einzelne Transaktionen überproportionale Auswirkungen auf den Kurs haben.

In der aktuellen Situation sieht es beim DAX aber eher bescheiden aus. Komplette Teilsegmente stehen unter Druck. Bankentitel leiden unter der verstärkten Regulierung und hausgemachten Problemen. Die Versorgungswerte E.ON und RWE werden dafür abgestraft, dass abgestimmte Rückstellungen nicht gebildet wurden. Der politische Druck ist extrem hoch. Die nun notwendigen Beträge, die mit 30 Milliarden Euro lanciert werden, sind höher als die Marktkapitalisierung beider Aktien zusammen.

Und nun hat VW dafür gesorgt, dass nicht nur der eigene Konzern sondern auch die großen Konkurrenten Daimler und BMW erhebliche Kurseinbußen zu verzeichnen haben. Allein diese sieben Werte ziehen den DAX und alle davon abgeleiteten Produkte wie ETFs oder gemanagte Fonds mit Schwerpunkt deutsche Standardwerte nach unten.

Man kann hier auch noch nicht dazu raten, diese Werte antizyklisch zu kaufen, auch wenn theoretisch die Möglichkeit besteht, dass BMW und Daimler aus dem „Dieselgate“ heil herauskommen und zu Unrecht abgestraft wurden.

Von internationaler Seite stört die zögerliche Haltung der Fed in Bezug auf die Leitzinsanpassung. Ein klares Signal und eine Erhöhung auf die erwarteten 0,25 Prozent hätte hier zur Beruhigung beitragen können. Beim chinesischen Aktienmarkt rechne ich weiter mit erhöhter Volatilität, staatlichen Eingriffen in den Kapitalmarkt, etwas abgeschwächtem Wachstum und einem sinkenden Renminbi.

Aus fundamentalen Gesichtspunkten lässt sich eine echte Jahresendrallye daher nicht ableiten, auch wenn eine Gegenbewegung nach der Korrektur möglich ist. Letztlich gibt es aber beim aktuellen Zinsniveau und der Baisse bei Rohstoffen kaum Alternativen zu Aktien. Man sollte daher insbesondere in Value-Titeln investiert bleiben, da die Börse ja nicht zum 31.12. geschlossen wird.

Andreas Görler, sen. Wealthmanager Wellinvest – Pruschke & Kalm GmbH