Teure Versprechen und viel Unruhe

Thomas Herbert, Head of Portfoliomanagement und Lead-Portfoliomanager Ethna-Aktiv / Foto: © Ethenea

Ob “buy the rumor, sell the fact”, „sell in May and go away“ oder die Warnung vor dem Versuch, ein fallendes Messer zu fangen – es gibt viele Börsenweisheiten. „Politische Märkte haben kurze Beine“ ist eine dieser Weisheiten und sie hat sich oft bewahrheitet. Doch bekanntlich bestätigen Ausnahmen die Regel. Möglicherweise erleben wir in den nächsten Jahren, dass politische Märkte sehr wohl lange Beine haben können.

Weltweit ist der politische Einfluss von Populisten gewachsen und vieles deutet daraufhin, dass diese Entwicklung ihren Höhepunkt noch nicht überschritten hat. Sei es die Politik von US-Präsident Donald Trump, der anhaltende Konflikt um die Brexit-Verhandlungen, die politischen Streitigkeiten zwischen deutschen Regierungsparteien über die vergangenen Monate, oder die Äußerungen des türkischen Präsidenten Erdogans: Weltweit greifen populistische Rhetorik und Politik um sich. Die Auswirkungen dessen auf die Märkte könnten sich als nachhaltig schädlich erweisen.

Es stimmt zwar, dass politische Märkte in der Regel nicht sonderlich dauerhaft sind. Andererseits sehen wir bis heute Auswirkungen der politischen Maßnahmen, die im Rahmen der Eurokrise ergriffen wurden. Ähnlich langwierig könnten die Konsequenzen der aktuellen Politik sein. Denn Populisten, mögen sie sich inhaltlich auch unterscheiden, haben derzeit zwei Dinge gemeinsam. Erstens erzeugen sie Unsicherheit und zweitens machen sie kostspielige Wahlversprechen. Beides, insbesondere in Kombination, ist problematisch.

Den Versprechen muss Geld folgen

Wenn sich politische Unsicherheit auf die Realwirtschaft niederschlägt, können die Konsequenzen langfristig sein. Von Unsicherheit ist nicht nur die Binnenwirtschaft eines Landes betroffen. Auch notwendige Investitionen werden sowohl von in- als auch ausländischen Investoren ob der unkalkulierbaren Risiken zurückgestellt. Die Folge: Konjunktur und Kapitalflüsse geraten ins Stocken.

Die Fünf-Sterne-Bewegung, mittlerweile Teil der italienischen Koalitionsregierung, versprach im Wahlkampf eine Mindestrente und rund 20 Milliarden Euro für Familien mit Kindern. Die Befürworter des Brexit um Nigel Farage behaupteten, das Vereinigte Königreich zahle pro Woche 350 Millionen Pfund an die Europäische Union, die man nach dem Brexit in das nationale Gesundheitssystem investieren werde. Donald Trump versprach im Wahlkampf in seiner überschwänglichen Art großartige Steuersenkungen für Jedermann.

Das Problem solcher Wahlversprechen: Irgendwann müssen die gewählten Populisten ihren Worten Taten folgen lassen. Dann sind sie oft gezwungen, Geld auszugeben, das sie nicht besitzen. Sie bürden dem Staatshaushalt also neue Schulden auf, die eine langfristige Belastung darstellen. Die Parteien der italienischen Koalitionsregierung zum Beispiel hatten im Wahlkampf unter anderem höhere Investitionen, Steuersenkungen und ein bedingungsloses Grundeinkommen versprochen. Laut Schätzungen könnten alleine die Steuererleichterungen den Staat rund 50 Milliarden Euro im Jahr kosten.

Eine gefährliche Mixtur

Die Neuverschuldung Italiens dürfte sich also deutlich erhöhen. Angesichts der ohnehin bereits hohen Verschuldung des Landes wäre das an sich schon problematisch. In der nächsten Rezession kann daraus jedoch eine handfeste Krise werden. Erschwerend hinzu kommt die bereits erwähnte politische Unsicherheit. Seit Wochen steigen die Renditen auf italienische Staatsanleihen. Es wird für das Land also immer teurer, sich zu refinanzieren.

Trifft zudem der Aufschwung des Populismus weltweit mit dem Wirtschaftszyklus zusammen, könnte sich eine gefährliche Mixtur ergeben. Aktuell befinden wir uns in einem sehr langlaufenden Zyklus, aber die nächste Rezession wird kommen. Die Kombination von weniger Steuereinnahmen infolge von konjunkturellem Abschwung und erhöhten Ausgaben der Populisten jedoch ist toxisch und kann sich langfristig negativ auswirken.

Chancenreich in der kurzen Frist

In der kurzen Frist kann Populismus allerdings durchaus positive Folgen haben. Maßnahmen wie Trumps Steuerpaket bieten Anlegern auf der Aktienseite interessante Möglichkeiten. Der US-Präsident hat die Wirtschaft in den USA bereits durch ein gewaltiges Fiskalpaket angeheizt. Das hat US-amerikanische Unternehmen gepusht und die US-Börsen haben so stark angezogen, dass kein anderer Markt weltweit mithalten konnte und kann. Das bedeutet für Investoren durchaus attraktive Chancen. Der finanzpolitische Stimulus in den Vereinigten Staaten ist allerdings auf Pump finanziert, die Rechnung dafür kommt irgendwann. Und es ist ein Irrglaube, dass eine höhere Wirtschaftsleistung eine Neuverschuldung dieser Größenordnung ausgleichen könnte.

Insgesamt sehen wir daher sowohl Warnzeichen als auch positive Indikatoren für die künftige Entwicklung der Märkte. Langfristig verfolgen wir einen vorsichtigeren Ansatz, kurzfristig sind wir für die Aktienmärkte optimistisch gestimmt. In Europa ist die Stimmung zwar insgesamt etwas getrübt, unter anderem aufgrund der italienischen Unsicherheit, doch auch hier gibt es attraktive Einzeltitel. Aus der Gesamtmarktperspektive sind wir aber in den USA und in China gegenüber Japan und Europa deutlich übergewichtet. Hier sehen wir aktuell sehr gute Renditechancen – noch, jedenfalls.

Gastbeitrag von Thomas Herbert,
Head of Portfoliomanagement und Lead-Portfoliomanager Ethna-Aktiv