Streit um Stress-Test

Die Aktuare der Assekuranz ärgert ein unnötiger und fehlerhafter Stresstest. / Foto: © llhedgehogll - Fotolia.com

Die Mathematiker der Versicherungswirtschaft üben als Fachfrauen und Experten Kritik am Stresstest für die Lebensversicherer. Die Aktuare der Assekuranz kritisieren die Bürokratie und nennen Mängel.

Die Europäische Aufsichtsbehörde für das Versicherungswesen und die betriebliche Altersversorgung (EIOPA) hat gestern die Ergebnisse ihres diesjährigen Stresstests veröffentlicht, durch den die Widerstandsfähigkeit des Versicherungssektors überprüft werden sollte. Dazu wurden die Auswirkungen extremer Marktentwicklungen getestet.

„Unter diesen Voraussetzungen ist die festgestellte Verletzbarkeit auch der deutschen Lebensversicherer wenig überraschend. Im Grunde hätten die Aktuare hierfür gar nicht rechnen müssen“, klagt Dr. Wilhelm Schneemeier, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Aktuarvereinigung e.V. (DAV) über die europäischen Bürokraten.

EIOPA experimentiert mit Zahlen

Für den Stresstest hat EIOPA zwei Szenarien vorgegeben, anhand derer die Widerstandsfähigkeit der Versicherer analysiert werden sollten. In diesen wurde eine drastische Verschlechterung der Kapitalmärkte und der zukünftigen Zinsentwicklung angenommen.

Diese Annahmen gehen noch deutlich über das ohnehin schon extrem hohe Sicherheitsniveau hinaus, das von Solvency II gefordert ist. Bereits unter diesem müssen die Versicherer sicherstellen, dass ihre Eigenmittel innerhalb eines Jahres in höchstens einem von 200 Fällen nicht ausreichend wären.

Bereits das Anfang 2016 in Kraft getretene Aufsichtssystem Solvency II soll eine risikoadäquate Kapitalausstattung der Versicherer sicherstellen. Im Rahmen von Solvency II beurteilen die Unternehmen bereits regelmäßig ihre Risiko- sowie Solvabilität-Situation und müssen vierteljährlich ihre Finanz- und Vermögenslage an die nationalen Aufseher melden.

Die in Deutschland zuständige Aufsichtsbehörde BaFin führt außerdem weitere Erhebungen durch, zuletzt im November dieses Jahres, um zu einer differenzierten Einschätzung der Solvabilität der deutschen Versicherer zu gelangen. Alle diese Meldungen an die Aufsicht basieren auf komplexen Berechnungen, die in der Regel von Aktuaren durchgeführt werden. Dabei wird eine Vielzahl von möglichen zukünftigen Entwicklungen der Kapitalmärkte und von kurzfristigen Stressen bewertet.

„Inwiefern in einem derart stark regulierten Markt wie dem Versicherungssektor der EIOPA-Stresstest zusätzliche Erkenntnisse liefert, ist für uns nicht ersichtlich“, erklärt Dr. Schneemeier.

Abschließend sieht die DAV im vorliegenden Stresstest das zentrale Ziel von EIOPA verfehlt, eine makroökonomische Analyse vorzunehmen.

„Denn dafür genügt es nicht, sich nur auf die Versicherungsunternehmen zu konzentrieren“, führt Dr. Schneemeier weiter aus.

Langfristerwartungen an den Zins seien auch für andere Marktsegmente von großer Bedeutung. So hätte eine lang andauernde Tiefzinsphase auch Auswirkungen auf Industrieunternehmen oder internationale Vorsorgeeinrichtungen. Für eine adäquate Bewertung der Finanzmarktstabilität eines gesamten Wirtschaftsraums muss nach Ansicht des DAV-Vorstandsvorsitzenden die wirtschaftliche Situation aller wesentlichen Marktteilnehmer berücksichtigt werden. (db)