Strategisch passiv?

Die Trends beim Fondsabsatz im zu Ende gehenden Jahr liefern ein widersprüchliches Bild – zumindest auf den ersten Blick. Denn die großen Gewinner waren einerseits die passiven ETFs und daneben Fonds mit Multi Asset-Strategien.

Erstere sind fixe Bausteine, mit deren Hilfe sich die Anleger mehr oder weniger ausgefeilte Anlagekonzepte basteln können. Letztere sind sehr nah an der traditionellen Vermögensverwaltung, bei der die Anleger die Verantwortung weitgehend an das Management abgehen. Der traditionelle gemanagte Fonds scheint so zwischen zwei Mühlsteine zu geraten.

Die Absatzstatistik des Branchenverbandes BVI (Zahlen per 31.09.2015) liefert ein eindrucksvolles Bild des Vertriebserfolgs der Mischfonds auf dem deutschen Markt: In den letzten drei Jahren zog diese Fondsklasse jeweils über die Hälfte aller Nettozuflüsse der Publikumsfonds auf sich. Damit erhöhte sich ihr Gewicht im Gesamtportfolio der am deutschen Markt vertretenen Investmentgesellschaften deutlich fühlbar von 17,2 % (2012) auf rund 25 % im laufenden Jahr. Die Mischfonds lösten die Rentenfonds als zweitgrößte Fondsklasse (jeweils nach den Aktienfonds) ab. Eine vergrößerte Kopie des BVI-Bildes liefert die Researchfirma Morningstar auf europäischer Ebene, wo die Mischfonds per Ende Oktober knapp 44 % der Nettozuflüsse zu den Investmentfonds-Anbietern auf sich zogen und damit weitaus mehr als es ihrem Marktanteil gemessen am Bestand (14 %) entspricht. Damit liegen sie allerdings auf europäischer Ebene noch deutlich hinter den beiden großen Gruppen Aktien (rund 35 %) und Festzins (ca. 27 %). Sollte das derzeitige Wachstumstempo Bestand haben, werden sich die Gewichte auch auf dem europäischen Markt verschieben.

Mischfonds waren der Renner der letzten Jahre.

Denn Mischfonds konnten am überzeugendsten auf die Ängste, Wünsche und Bedürfnisse der privaten Anleger antworten. Und diese Ansprüche hatten es in sich, denn die Anleger mussten mit einer Welt voller Krisen und Unruhen zurechtkommen, die aber kaum nennenswerte Zinserträge zu bieten hatte. Die Leitzinsen in den USA und der Schweiz stehen seit Ende 2008 bei null, die EZB hielt den Euro-Zins bis 2012 bei 1 % (zeitweilig „sogar“ 1,5 %) und war dann doch gezwungen, zur null zu folgen, Japans Leitzins kennt schon seit mehr als einem Jahrzehnt nur noch die null vor dem Komma. Entsprechend dünn wurden die Renditen von Rentenpapieren und anderen Festzinsprodukten. Ausgerechnet in einer so bedrohlich wirkenden Umwelt konsequent auf Aktien zu setzen – dazu hatten auch aktienaffinere Anleger als die notorisch konservativrisikoscheuen Deutschen nicht immer das Herz.

Vor diesem Hintergrund erwiesen
sich die Versprechen der
Multi Asset-Fonds als unwiderstehlich:

Die Streuung der Anlagen über ein möglichst breit abgegrenztes Spektrum („Anlageuniversum“) liefert zusätzliche Chancen, einzelne Risiken auszuschalten oder zumindest soweit zu minimieren, dass die Fondsmanager (theoretisch) auch auf Grundlage von Portfolios ohne Festzinsanlagen feste laufende Ausschüttungen in Aussicht stellen können. Allerdings übernehmen die Manager damit auch die Verantwortung für Entscheidungen, die im Normalfall eher vom Anleger und seinen Beratern getroffen werden, für die so genannte strategische Allokation. Gemeint sind damit die Grundsatzentscheidungen, wie das Portfolio auf einzelnen Assetklassen wie Aktien, Rentenpapiere, Rohstoff-Investments oder Immobilien aufgeteilt wird. Hier werben die Multi Asset-Anbieter wie etwa das britische Haus Schroders sogar mit dem Begriff „Echte Vermögensverwaltung“, um dieses Angebot von den konventionellen Fonds abzugrenzen: „Durch die breite Diversifizierung des Anlage-Mix und die effektive Steuerung des Risikos bilden unsere Multi Asset-Fonds insgesamt eine vollständige Vermögensverwaltung ab. Und für den Anleger ergibt sich der Vorteil, dass er all dies zusammengefasst in einem einzigen Produkt erhält“, so Schroders.

Das exakte Gegenstück liefern die ETFs.

Also Fonds, die möglichst exakt einen bestimmten Index oder Korb von Basiswerten abbilden, ohne den Anspruch, irgendwelche zusätzlichen Renditeziele zu erreichen. Und genau dieses Angebot dominiert klar den Absatztrend bei den Aktienfonds, wie die Zahlen von Morningstar zeigen. Die Analysten legten die Nettozuflüsse 2009 bis 2015 für insgesamt 19 Klassen von Aktienfonds zugrunde (nach Märkten und Anlagestilen), was zusammen 133 Punkte ergibt, an denen der Markterfolg von aktiv gemanagten und passiven Fonds verglichen wurde. Die aktiven Fonds hatten nur in 25 Fällen die Nase vorn, das sind weniger als 20 %. Ein genauerer Blick zeigt auch, dass offenbar die jeweiligen Märkte den Unterschied machen: Die ETFs sind vor allem in den zentralen, großen Klassen mit Standardaktien und -stilen erfolgreich, sie liegen mittlerweile auch gemessen am Vermögen vor den aktiven Fonds bei den so genannten „large caps“, den Werten mit hohem Marktwert. Das ist vor allem in den USA und der Schweiz der Fall, in UK und der Eurozone liegen die Anteile der ETFs bereits nahe an 45 %. Angesichts der Wachstumstrends dürften die aktiven Fonds in allen wichtigen Märkten auch gemessen am Bestand hinter die passiven zurückfallen. Absatzerfolge erzielen die aktiven Fonds nur da, wo das Management aufgrund schwierigerer Bedingungen echten Mehrwert schafft. Das gilt etwa für Märkte, die von einzelnen Werten dominiert werden und eine Art Klumpenrisiko aufweisen oder anspruchsvollere Anlagestile verfolgt werden, wie etwa eine Fokussierung auf Wachstumstitel, was höhere Anforderungen an die Analyse mit sich bringt.

Fazit
Unterm Strich kristallisiert sich so eine Polarisierung heraus zwischen Anlegern mit einer Präferenz für eine umfassende Vermögensverwaltung in Muli Asset-Produkten und jenen, die eigene Vorstellungen umsetzen wollen und dazu klar konturierte Bausteine suchen, die nicht durch ein Eigenleben überraschen, das von einem aktiven Management ausgeht. Aktiv gemanagte Produkte haben nur da einen Platz, wo sie nachhaltig echten Mehrwert erzeugen. (mk)

finanzwelt 06/2015