Stolperfallen bei ESG-Ratings

Nikita Singhal, Co-Head Sustainable Investing und ESG bei Lazard Asset Management / Foto: © Lazard AM

ESG-Kriterien sind beim nachhaltigen Investieren gewissermaßen das A und O. Zugleich wird die fehlende einheitliche Definition von Nachhaltigkeit oft beklagt. Auch die unterschiedlichen Ansätze bei ESG-Ratings machen ein Investment nicht unbedingt einfacher. Nikita Singhal, Co-Head Sustainable Investing und ESG bei Lazard Asset Management, zeichnete im finanzwelt-Talk ihre Sicht der Dinge.

finanzwelt: Wie schätzen Sie, auch vor dem Hintergrund des aktuellen Marktgeschehens, die Aussichten für nachhaltiges Investieren ein?

Nikita Singhal: Für Investoren, die am Thema Nachhaltigkeit interessiert sind, ist die COVID-19-Pandemie eine Gelegenheit, einerseits zu beobachten, wie Unternehmen auf einen plötzlichen und dramatischen Stresstest ihrer Geschäftsmodelle reagieren, und andererseits zu beurteilen, wie sie die Interessen ihrer verschiedenen Stakeholder gegeneinander abwägen.

Wir sind jedoch der Ansicht, dass die derzeitige Situation um COVID-19 für Investoren ein nützliches Diagnoseinstrument sein kann, um die Spreu vom Weizen zu trennen, also nachhaltige Unternehmen von nicht-nachhaltigen Unternehmen zu unterscheiden. Die Krise macht zudem transparenter, welche Unternehmen noch stärkere Nachhaltigkeitsmaßnahmen ergreifen, und bei welchen Unternehmen diese abnehmen. Wir glauben, dass durch die jüngsten Entwicklungen dem Thema Nachhaltigkeit in Zukunft eine noch größere Bedeutung bei Investitionsentscheidungen zukommen wird, um mit deren Integration in den Anlageprozess das von vielen Unternehmen betriebene sogenannte „Greenwashing“ besser zu durchschauen.

finanzwelt: Was sollten Anleger und Berater bei ESG-Ratings beachten?

Singhal: Die von externen Rating-Anbietern gelieferten ESG-Bewertungen sind im Allgemeinen statisch und rückwärtsgewandt. Doch nur durch die Überprüfung der Unternehmensentwicklung, die regelmäßige Zusammenarbeit mit dem Management und Gespräche mit anderen Stakeholdern ist es möglich, ein vollständiges und dynamisches Bild zu zeichnen. Darüber hinaus können Geschäftsentscheidungen nur dann richtig erfasst werden, wenn Nachhaltigkeitsfragen in einen finanziellen Kontext gebracht werden.

Bei Lazard Asset Management haben wir einen eigenen Ansatz entwickelt, um die langfristige Nachhaltigkeit von Unternehmen in den Dimensionen Finanz-, Human- und Naturkapital zu bewerten. Diese Bewertung wird sowohl auf die Produkte/Dienstleistungen eines Unternehmens als auch auf seine Geschäftstätigkeit angewandt.

Unsere Nachhaltigkeits-Scorecard bewertet die Beziehung eines Unternehmens zu verschiedenen wichtigen Stakeholdern, die das Human- und Naturkapital eines Unternehmens beeinflussen. Dazu gehören Kunden, Mitarbeiter, die Lieferkette und die Gemeinschaften, in denen ein Unternehmen tätig ist.

Der Beziehungsstatus zu Stakeholdern aus dem Nicht-Finanz-Bereich wird in der Finanzberichterstattung nicht erfasst. Wir sind allerdings der Meinung, dass eine grundlegende Unternehmensanalyse den aktuellen Zustand und die weitere Entwicklung dieser Beziehungen berücksichtigen sollte, um die Aussichten eines Unternehmens besser beurteilen zu können. (ah)