Stimmungen können Fakten überlagern

Christian Heger, Chefanlagestratege von HSBC Global Asset Management (Deutschland) / Foto: © HSBC Global Asset Management (Deutschland)

Eine noch weitgehend intakte Wirtschaft trifft auf politische Unsicherheiten. Asset-Allokatoren sollten auf Stimmungen und ihre möglichen Auswirkungen achten.

Im vergangenen Monat verwiesen wir auf die nachlassenden Konjunkturdaten in der Eurozone und einigen Emerging Markets. Seither hat sich hieran nichts Wesentliches geändert. Dies gilt trotz des jüngst überraschend positiv ausgefallenen
Ifo-Index. Doch hier ist ein Blick auf die Details notwendig. Der positive Ifo-Index war
nicht zuletzt auch auf die Komponente „Automobile“ zurückzuführen. Das verwundert wenig
vor dem Hintergrund der vorerst zurückgestellten Erhebung zusätzlicher Zölle auf Autoimporte aus der EU in die USA. Allerdings war dieser Teilerfolg kaum errungen, da waren schon wieder schärfere Töne aus den USA zu vernehmen. Aufgeschoben ist also nicht unbedingt aufgehoben.

USA – erhöhte Inflationserwartungen

In China belastet das heikle Thema der Handelspolitik weiter. Hier wäre es verfrüht, die aus den anhaltenden Handelsdiskussionen entstehenden Stimmungseintrübungen als Spuk von gestern
abzutun. Andernorts gilt zwar weiterhin, dass gerade in den USA die Konjunktur auf solidem
Wachstumskurs unterwegs ist. Dies bringt aber auch berechtigte Zinsdiskussionen mit sich und zwar umso mehr, je länger die Inflationsrate bei oder auch über zwei Prozent verharrt.
Bemerkenswert ist zudem, dass gerade die Inflationserwartungen sich seit einiger Zeit
schon bei Werten über zwei Prozent halten. Bleibt es bei soliden Wachstumszahlen und
gleichzeitig erhöhten Inflationserwartungen, ist nur schwer gegen weitere US-Zinserhöhungen
zu argumentieren. Das aber dürfte zum einen die derzeitigen Schwierigkeiten einiger Emerging Markets bekräftigen. Zum anderen ist kaum anzunehmen, dass die Aussicht auf weitere Zinserhöhungen Anleger mit Blick auf die relativen Bewertungsrelationen zwischen Aktien und Renten unbekümmert in größere Neuengagements an den Aktienmärkten treiben wird. Die Großwetterlage an den Kapitalmärkten stellt sich für uns somit gespalten dar: Einerseits sind unmittelbar keine gravierenden wirtschaftlichen Warnsignale aus den aktuellen Konjunkturdaten ableitbar. Das gilt losgelöst von Schwankungen von Monat zu Monat. Andererseits sind die in den vergangenen Monaten zunehmenden (geo)politischen Problemfelder weiter ungelöst. Zusätzlich sind zu den alten Themen neue hinzugekommen.

Politische Themen drücken Stimmung

Dies ist kein einfaches Umfeld für Asset-Allokatoren, denn Fakten können von Stimmungen überlagert werden, was wiederum zu veränderten Fakten führen kann. Das aktuelle Umfeld birgt also vor allem das Risiko, dass die politischen Themen, so sie denn ungelöst bleiben, über Stimmungsverschlechterungen zu tatsächlich schwächeren Konjunkturdaten führen können. Damit wäre so manch ein aus heutiger Sicht vernünftiges Argument für die Attraktivität von Risiko-Assets, insbesondere Aktien, obsolet und die Suche nach vermeintlicher Sicherheit Gebot der Stunde. In einem solchen Umfeld fällt es schwer, selbst für eine nur kurzfristig aggressive Aktienpositionierung zu argumentieren. Wir halten es deshalb und vorerst weiterhin für angebracht, an der neutralen Positionierung festzuhalten, bis zu den erwähnten Risikofaktoren entlastende Erkenntnisse vorliegen.

Kolumne von Christian Heger,
Chefanlagestratege von HSBC Global Asset Management (Deutschland)