Starker Jahresauftakt gibt keinen Aufschluss über weiteren Börsenverlauf

Andreas Kern, Gründer und CEO der wikifolio Financial Technologies AG / Foto: © Martina Draper

Die ersten gut zwei Monate des neuen Börsenjahres sind für viele Marktbeobachter überraschend positiv verlaufen. Der Dax hat seit dem Ende 2018 markierten Tief in der Spitze fast 15 Prozent zulegen können. Zahlreiche andere Aktienindizes sind sogar noch stärker gestiegen. Mit einer solch rasanten Erholung hatte nach dem Absturz zuvor kaum jemand gerechnet. Zumal sich an den vermeintlich wichtigen Einflussfaktoren zuletzt kaum etwas geändert hat. Die politischen Krisenherde wie der Handelskonflikt zwischen den USA und dem Rest der Welt oder der drohende Brexit existieren unverändert. Außerdem sind zunehmende Sorgen vor einer Rezession oder zumindest einer deutlichen Abschwächung der Weltwirtschaft zu spüren.

Die Statistik ist nicht eindeutig

Trotzdem sind die Kurse im Januar und Februar massiv gestiegen. Der DAX verbuchte in diesem Zeitraum den achtstärksten Anstieg seiner über 31-jährigen Geschichte. Eine statistisch gut untermauerte Prognose für die weitere Aktienmarktentwicklung lässt sich daraus aber nicht ableiten. Zwar ist der DAX bei einem ähnlich guten oder noch besseren Jahresstart in den meisten Fällen noch weiter gestiegen. Es gab aber auch Fälle, wo der Index die Gewinne komplett wieder abgab und am Ende sogar eine negative Jahres-Performance auswies. Auch die unterschiedlichen Stimmungsindikatoren deuten darauf hin, dass viele Anleger dem Braten noch nicht so richtig trauen.

Kurzfristig vorsichtig, mittelfristig optimistisch

wikifolio-Trader Michael Flender hingegen sieht die Zukunft deutlich positiver und begründet dies mit einer sich anbahnenden Verbesserung der Konjunktur und damit der für die Unternehmen relevanten Nachfrage: „Ich bin für 2019 weiter optimistisch gestimmt und rechne zumindest mittelfristig mit steigenden Kursen. Neben der Halbleiterbranche, die im zweiten Halbjahr mit einer deutlichen Erholung rechnet, ist auch die Chemiebranche als Zykliker verhalten optimistisch. Zuletzt kamen auch seit langem wieder positivere Signale aus der chinesischen Wirtschaft: Die Stimmung in kleinen und mittelgroßen Betrieben hat sich aufgehellt“. Unabhängig davon hat der erfahrene Börsenhändler seinen Cashbestand aufgrund der kurzfristigen Risiken gerade etwas erhöht.

Börsenampeln ignorieren Angst und Gier

Interessant ist im aktuellen Umfeld auch das Vorgehen derjenigen Trader, die ihre Investitionsquote nach festen Regeln steuern. Die Experten der GFA Vermögensverwaltung zum Beispiel haben eine eigene Börsenampel entwickelt, die Ende Januar „auf Grün“ gesprungen ist. Zuvor war es hier Mitte Oktober zu einem Ausstiegssignal gekommen. Daraufhin wurden alle Aktien verkauft, so dass zumindest ein Teil der zum Jahresende hin angefallenen Kursverluste umgangen werden konnte. Allerdings haben die Anlageprofis auch den starken Aufschwung an den Märkten zum Großteil verpasst. Das wird bei derartigen Strategien aber einkalkuliert. Das Hauptziel solcher Börsenampeln (wie auch immer sie gestaltet sind) ist eine Verringerung der Volatilität sowie das Vermeiden extremer Drawdowns in echten Crashphasen. Darüber hinaus wird durch das eindeutig festgelegte Regelwerk verhindert, dass emotionale Handlungen die Performance negativ beeinflussen. Das ist gerade in Zeiten großer Unsicherheit für viele Anleger ein wirksames Hilfsmittel.

Schrittweise Anpassung der Aktienquote

Einige unserer Trader orientieren sich ebenfalls an einem Ampelsystem. Dabei verfahren sie allerdings nicht nach der „Ganz oder gar nicht“-Regel, sondern erhöhten im Jahresverlauf die Aktienquote nach und nach von 60 auf 100 Prozent. Das bedeutet aus deren Sicht allerdings nicht, dass nun zwingend der nächste große Aufwärtstrend erwartet wird. „Vielmehr haben sich die größten Risikofaktoren etwas beruhigt und einige charttechnische Signale sehen auch wieder freundlicher aus“, beschreibt einer der Trader ganz nüchtern die Fakten, die zu der Erhöhung des Investitionsgrads geführt haben.

Kolumne von Andreas Kern,
Gründer und CEO der wikifolio Financial Technologies AG