Sei gierig, wenn andere ängstlich sind

Bislang ging man davon aus, dass der Ausstieg aus der Politik des billigen Geldes in kleinen, planbaren Schritten vonstattengeht. Sollte jedoch die Inflation plötzlich stärker anziehen, kann es sein, dass die Notenbank gezwungen ist die Zinsen in schnelleren Schritten zu erhöhen. Die meisten haben sich mit der Billiggeldpolitik gut eingerichtet, in einer Welt, in der das Geld nur so sprudelte und sich niemand Sorgen über Liquiditätsengpässe zu machen brauchte.

Jetzt mehren sich die Sorgen, dass es damit bald vorbei sein könnte. Sichtbar wird das auch an den Anleiherenditen. Diese sind aus Angst vor einer Rückkehr der Inflation in der vergangenen Woche kräftig in die Höhe geschossen. Die Zinsen für zehnjährige US-Staatsanleihen liegen jetzt bei 2,84 Prozent und damit so hoch wie seit vier Jahren nicht mehr. Zehnjährige Bundesanleihen rentieren mit 0,76 Prozent, das ist der höchste Stand seit 2015.

Ein weiterer Grund für den starken Einbruch sehen viele Beobachter in den automatischen Programmen die Verkäufe ausgelöst haben. Flash Crash nennen Fachleute das Phänomen heutzutage, wenn Kurse plötzlich und ohne erkennbaren Grund ins Bodenlose stürzen. Im computergesteuerten Hochfrequenzhandel, der die Börsen heutzutage ausmacht, können schon kleinste Fehler oder Abweichungen von der Norm eine Kette an Reaktionen und Gegenreaktionen nach sich ziehen. Werden beispielsweise bestimmte Verlustmarken überschritten, löst das automatisch weitere Verkäufe aus, die ihrerseits wieder neue Verkäufe veranlassen können.

Ein Großteil der Finanzmärkte ist inzwischen durch Computer-Programme gesteuert und quasi auf Autopilot. Werden bestimmte Kursmarken durchbrochen, werfen die “Algo-Trader” weitere Papiere auf den Markt und verstärken so den Kursverfall. Das Ganze gleicht dann einem Dominospiel, fällt der erste Stein wird eine ganze Kette von Reaktionen ausgelöst.

Verstärkt wird die Unsicherheit auch durch die Tatsache, dass der neue Fed-Präsident Jerome Powell den Posten als mächtigster Währungshüter der Welt übernommen hat. Eigentlich gilt auch er als Verfechter eines lockeren geldpolitischen Kurses. Unter Umständen steht er jetzt gleich zu Beginn seiner Amtszeit vor seiner ersten Bewährungsprobe. Übrigens auch eine weitere Analogie zu dem schwarzen Montag von 1987. Damals musste Alan Greenspan, kaum im Amt, als Nachfolger seines Vorgängers Paul Volcker beweisen, dass er die Märkte bändigen und das System stabil halten konnte.

Bei aller Dramatik der derzeitigen Kursverluste sind sich die meisten Fachleute jedoch einig, aus fundamentaler Sicht sind die Stimmungseintrübung und die massiven Kursverluste nicht gerechtfertigt. An den nahezu durchweg positiven Rahmenbedingungen für Aktien hat sich praktisch nichts verändert. Die Konjunktur ist nach wie vor weltweit robust und die Unternehmensgewinne steigen. Gerade für Europa sind die meisten Beobachter noch optimistisch. Die europäischen Börsen, allen voran der Dax, konnten sich dem negativen Sog zwar auch nicht völlig entziehen, allerdings fielen die Verluste wesentlich geringer aus. Die ersten Investoren haben sich bereits positioniert und nutzen die günstigen Einstiegskurse, bevor die Angst am Markt wieder vorbei ist.

Privat-Anleger sollten sich von der derzeitigen Situation nicht in Panik versetzen lassen und ruhig bleiben. Ein Verlust entsteht bei Wertpapieren erst dann, wenn man ihn realisiert. Am besten gönnt man sich einfach mal für ein paar Tage oder sogar noch länger eine Auszeit und beschäftigt sich einfach mit anderen, schöneren Dingen. Im Rheinland ist das einfach, hier beginnt am Donnerstag die heiße Phase des Karnevals. Am Aschermittwoch ist dann der Karneval auf jeden Fall und der aktuelle Börsen-Crash hoffentlich wieder vorbei.

Kolumne von Markus Richert, CFP® und Seniorberater Vermögensverwaltung bei der Portfolio Concept Vermögensmanagement GmbH in Köln