Sei gierig, wenn andere ängstlich sind

Markus Richert, CFP® und Seniorberater Vermögensverwaltung bei der Portfolio Concept Vermögensmanagement GmbH / Foto: © Portfolio Concept

„Sei gierig, wenn andere ängstlich sind“, so lautet eines der berühmtesten Bonmots von der Investorenlegende Warren Buffett. Zugleich ein Kernsatz des Value Investing. Man darf sich nicht von Stimmungen am Markt treiben lassen, sondern im Gegenteil muss dann zugreifen, wenn der Aktienkurs von guten Unternehmen durch Angst stark gedrückt worden sind.

Zum Ende der letzten Börsenwoche war die Angst auf einmal da. Wer es schwarz auf weiß sehen will, besucht das online Portal “CNN Money”. Dort wird der “Angst-und-Gier-Index” geführt. Er soll veranschaulichen, welche Stimmung unter Anlegern an der Börse derzeit vorherrscht. Aktuell steht der Index ganz eindeutig auf Angst, sogar „extreme Angst“. Erst vor einer Woche stand der Index noch eindeutig bei „Gier“. Vor einem Monat, als der Dow-Jones-Index in den USA einen Rekord nach dem anderen einfuhr, stand der Index sogar bei „extreme Gier“. Der Index beruht auf harten Fakten und stützt sich bei der Berechnung auf diverse Marktindizes.

Dabei lieferte schon ein Blick auf die aktuelle Kursentwicklung der letzten Tage genügend harte Argumente. Sowohl der Dax als auch der Dow Jones beendeten die Woche mit einem Minus von über vier Prozent. Es war die schwärzeste Woche seit zwei Jahren. Vor allem in den USA ging es am Freitag schnell bergab mit den Kursen. 666 Punkte lag der Dow Jones am Ende des Tages im Minus. Damit übertraf er den Verlust vom 19. Oktober 1987, dem Tag des letzten großen Crashs. Damals ist der der Dow Jones übrigens „nur“ um 502 Punkte gefallen. Allerdings von einem niedrigeren Niveau. Im Jahr 1987 bedeutete das einen Tagesverlust von 22,6 Prozent, am vergangenen Freitag entsprach der Verlust nur 2,5 Prozent.

Trotzdem sehen die Pessimisten am Markt Parallelen und versuchen sich in neuen Untergangsprophezeiungen zu übertreffen. Am Montag ging es dementsprechend erst einmal weiter bergab. Allein der Dow Jones beendete den ersten Handelstag der neuen Woche mit einem Minus von 4,6 Prozent. Um drei Uhr nachmittags Ortszeit hatte Ausnahmezustand an der Wall Street geherrscht. Der US-Leitindex büßte innerhalb von 15 Minuten mehr als 800 Punkte ein. In der Spitze verlor er fast 1600 Punkte. Nie zuvor in der fast 133-jährigen Geschichte des Index haben die amerikanischen Aktien an einem einzigen Tag einen solchen Kurseinbruch erlebt. Am Ende schloss der Index rund 1100 Punkte im Minus. Im direkten Vergleich zu den erreichten Allzeithochs summierte sich somit der Verlust bereits auf rund 11 Prozent.

Es gibt durchaus Parallelen zu 1987. Damals war der Auslöser der Krise eine zunehmende Angst der Marktteilnehmer vor einer stärkeren Inflation und vor steigenden Zinsen. Beobachter sehen auch heute darin einen Auslöser für den Kursrutsch. Paradoxerweise ausgelöst von einer positiven Nachricht vom US Arbeitsmarkt. Denn dieser hat sich zuletzt deutlich besser entwickelt als erwartet. Die Arbeitslosenrate markierte mit 4,1 Prozent den niedrigsten Stand seit mehr als 17 Jahren. Vor allem das Plus bei den Löhnen überraschte. Mit 2,9 Prozent sind diese so stark gestiegen wie seit der Finanzkrise nicht mehr. Diese Entwicklung verstärkt bei Börsianern die Inflationssorgen.

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