Schuldenniveau und wachsende Geldmenge spielen Gold in die Hände

Stephan Lipfert - Foto: © PUNICA Invest GmbH

Sichere Häfen haben in krisengeschüttelten Zeiten oftmals Hochkonjunktur. Das gelbe Edelmetall ist einer der Profiteure. finanzwelt sprach mit Stephan Lipfert, Geschäftsführer der Hamburger PUNICA Invest GmbH über die Gründe für ein Goldinvestment und die Zukunftsaussichten.

finanzwelt: 2020 ist ein sehr außergewöhnliches Kapitalmarktjahr. Ist das Edelmetall Gold der einzige Schutz gegen tiefgreifende Marktverwerfungen?

Stephan Lipfert: Gold war und ist schon immer ein sehr guter Schutz gegen negative Aktienmarktbewegungen gewesen. Aber vor allem ist das Edelmetall seit gut 5.000 Jahren ein sehr guter Wertspeicher und somit ein Schutz gegen Inflation. Es gibt das gute Beispiel, dass man im alten Rom für eine Unze Gold eine sehr gute Toga und ein Paar Sandalen bekommen hat, während man heute einen Maßanzug und ein edles Paar Schuhe für den Gegenwert erhält. Daran sieht man die Kaufkraftstabilität von Gold.

In Krisen, wie der aktuellen, werden zudem die Zinsen von Notenbanken gesenkt und mehr Geld in den Kreislauf gegeben, um die Wirtschaft wieder anzukurbeln. Dies wirkt sich mittelfristig inflationstreibend aus und ist somit positiv für Gold. Ein weiterer Schutz gegen Marktverwerfungen waren in den letzten Jahren Bundesanleihen und US-Staatsanleihen. Deren Attraktivität hat jedoch in den letzten Jahren massiv gelitten, so dass viele dieser Papiere mittlerweile kaum noch oder negativ rentieren. Auch dies sprich für Gold als Absicherung.

finanzwelt: Wie hat sich die Goldnotierung in zurückliegenden Krisen entwickelt?:

Lipfert: Die Krise 2020 ist von der Bewegung ein Stück weit vergleichbar mit der Finanzkrise 2008/2009. Auch hier ist Gold in den ersten Crashtagen zunächst mit gefallen. Dies hängt damit zusammen, dass Gold ein sehr liquider Vermögensgegenstand ist, der 24 Stunden lang rund um den Globus verkauft werden kann. Wenn z.B. Hedgefonds auf Ihren Aktienpositionen Verluste machen und Geld nachschießen müssen (sog. Margin-Calls), dann verkaufen Sie in der Regel als erstes die einfach liquidierbaren Positionen. Daher fällt Gold oftmals in den ersten Tagen eines Aktienmarkt-Crashs mit. Ist dieser erste Schwung dann vorbei, besinnen sich die Marktteilnehmer auf die defensiven Eigenschaften von Gold und der Preis steigt. Auch 2011 in der Euro-Krise, in der an der Bonität nicht nur von Griechenland gezweifelt wurde, konnte Gold sich behaupten und ein neues Allzeithoch markieren. Genau dies haben wir auch 2020 gesehen.

finanzwelt: Der Goldpreis ist deutlich gestiegen und notiert aktuell bei knapp 2.000 Dollar. Hält Ihrer Meinung nach dieser Trend an?

Lipfert: Kurzfristig könnte der Goldpreis, nach dem steilen Anstieg vor allem im August, durchaus noch einmal korrigieren. Mittelfristig spricht dagegen wenig gegen Gold. Eines der stärksten Gegenargumente war immer, dass Gold keine Zinsen und Dividenden zahlt, also nicht produktiv ist. Aktuell haben wir weltweit rund 15 Billionen US-Dollar an Anleihevolumen, auf das eine negative Rendite gezahlt wird. Dies entspricht etwa 30% des gesamten Marktvolumens. Die Anleihen, auf denen noch ein positiver Zins draufsteht, haben in der Regel erhöhte Bonitätsrisiken, wie z.B.  Schwellenländerpapiere oder Hochzinsanleihen.

Auch auf der Dividendenseite sieht es aktuell eher mau aus. Zahlreiche Unternehmen haben diese gekürzt oder gar ganz gestrichen. Insofern ist die Zins- und Dividendenlosigkeit von Gold heute weit weniger dramatisch als bei letzten Höchststand 2011.

Ebenfalls für Gold spricht der aktuell eher schwache US-Dollar, der traditionell negativ mit Gold korreliert ist. Durch die gesunkenen Zinsen in den USA und den jüngsten Äußerungen der US-Notenbank, dass man auch auf eine steigende Inflation nicht sofort reagieren wird, könnte diese Schwäche andauern. Zum Euro könnte der US-Dollar beispielsweise bis auf 1,28 Euro/USD abwerten, da dort aktuell etwa die Kaufkraftparität liegt.

Das allergrößte Argument für Gold ist und bleibt aber das gewaltig gestiegene Schuldenniveau und vor allem die wachsende Geldmenge. Da Gold anders als Papiergeld nicht beliebig vermehrt werden kann – die Fördermenge pro Jahr entspricht weniger als 2% des Gesamtvolumens – ist es gerade in Zeiten einer starken Geldmengenausweitung gefragt. Man kann es auch anders formulieren: das Papiergeld wertet gegenüber dem stabilen Gold ab.

Wir gehen deshalb davon aus, dass Gold weiterhin hohes Potential besitzt. Eine Indikation für ein mögliches Kursziel kann der alte inflationsbereinigte Höchstpreis von 1980 sein. Dieser liegt bei 2722 USD und erst beim Erreichen dieser Marke hätten wir nicht nur ein nominales, sondern ein „echtes“ neues Allzeithoch. Ich denke, dass diese Marke in den kommenden 24 Monaten getestet werden könnte.

finanzwelt: Welche Treiber identifizieren Sie für die Goldrallye? Woher kommt die Nachfrage?

Lipfert: Wenn man sich die aktuelle Bestandsverteilung ansieht, dann liegen ungefähr 47% im Schmuckbereich, 21,6% in Anlagebereich und 17,2% bei Notenbanken (Rest Sonstige | Quelle:https://www.gold.de/artikel/goldmengen-wie-gross-ist-goldwuerfel-wirklich/). Die Schmucknachfrage ist aktuell wegen der eingeschränkten Hochzeitssaison in Indien und der geringer ausgefallenen Nachfrage zum Neujahrsfest in China eher schwächer als in den Vorjahren.

Die Investmentnachfrage ist dagegen einer der wichtigsten Treiber. Die Branchenvereinigung World Gold Council (WGC) meldete unlängst, dass im bisherigen Jahresverlauf Gold-ETFs und andere solche Produkte Zuflüsse von netto 938 Tonnen verbuchen konnten. Damit erreichten die Bestände der Gold-ETFs weltweit ein neues Rekordhoch von 3.824 Tonnen bzw. einen Zuwachs von 38% in den ersten acht Monaten 2020.

Weiterer Treiber sind die Notenbanken, die seit 2010 wieder Netto-Käufer sind. Insbesondere die russische, türkische und chinesische Notenbank finden sich aktuell auf der Käuferseite. Ursache ist, sich ein Stückweit vom US-Dollar unabhängiger zu machen. Haupttreiber der Rallye bleibt aber die massive Ausweitung der Geldmenge und weniger die physische Nachfrage.

finanzwelt: Welche Rolle spielen Währungswechselkurse bei der Edelmetall-Anlage? Wie schätzen Sie die weitere Entwicklung des Greenbacks ein?

Lipfert: Wie schon erwähnt, ist eine US-Dollarschwäche immer gut für Gold. Dies hängt damit zusammen, dass Gold in US-Dollar gehandelt wird und ein sinkender US-Dollar Gold somit optisch günstiger erscheinen lässt. Wir gehen eher von einem schwächeren Greenback aus, da die Zinsen in den USA auf Sicht eher fallen als steigen sollten und die Kaufkraftparität eine Abwertung bis auf 1,28 EUR/USD rechtfertigen würde. (ah)