Schnittstellen-Tuning

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Seit ihrer Markteinführung im Jahr 2005 tut sich die Rürup-Rente schwer. Gerade mal zwei Millionen Verträge finden sich bei den Lebensversicherern, das Neugeschäft schlägt sich weit hinter dem Komma nieder. Und an Kritik von allen Seiten am Produkt selbst, aber auch an einzelnen Anbietern, mangelt es nicht. Gerarde dies lässt sich im Beratungsgespräch jedoch auch zum Vorteil verwenden.

„Wir gehen davon aus, dass die Rürup-Rente in Deutschland angekommen ist. Sowohl Vermittler als auch Kunden haben das System verstanden, akzeptiert und für gut befunden. Daher taucht die Rürup-Rente nicht mehr so häufig in den Medien auf“, sagt Matthias Sattler, Leiter Vertrieb bei der ALTE LEIPZIGER Lebensversicherung a. G. Eine eher eigenwillige Interpretation, würde er dabei nicht explizit auf sein Haus verweisen: „Bezüglich der Antragszahlen bleibt sie – zumindest bei der ALTE LEIPZIGER – präsent: Wir verzeichnen einen konstanten Anteil der Rürup-Rente an den Gesamt-Antragszahlen.“ Sie stelle damit ein wichtiges und etabliertes Produkt der Produktpalette des Oberurseler Versicherers dar. Denn die Statistik sagt etwas anderes. Denn der förderfähige Bestand ist branchenweit von 2016 auf 2017 um gerade mal 2,9 % gewachsen, dümpelt aber nach wie vor bei 2,1 Mio. Verträgen – der Zuwachs macht sich also in der zweiten Stelle hinter dem Komma bemerkbar. Und noch viel schlimmer: Im Neugeschäft gab es einen Rückgang um 15 %. Dies mag auch an der nach wie vor heftigen Kritik etwa von Verbraucherschützern an Konstruktionsfehlern des Modells liegen. Die von wissenschaftlicher Seite jedoch gestützt wird. „Bei den meist komplizierten Verträgen mit oft langen Laufzeiten können sich schnell hohe Kosten addieren“, versichert etwa Prof. Dr. Friedrich Thießen, Professor für Finanzwirtschaft und Bankbetriebslehre an der TU Chemnitz. Gemeinsam mit einem Mitarbeiter hat er die Kosten der Rürup-Verträge genauer untersucht. Ihr Fazit fällt verheerend aus: „Unter Umständen kann ein Drittel der Sparbeiträge von den Kosten aufgezehrt werden“, sagt Thießen.

Kosten fressen Ertrag

Die gewählte Darstellungsart der Kosten sei so verklausuliert, dass eine verständnisvolle Kostenübersicht erschwert werde. In einem Beispielfall, der von einem monatlichen Sparbetrag von 200 Euro über 35 Jahren ausgeht, ergeben sich kapitalabhängige Kosten von 19.159 Euro, die im Produktinformationsblatt mit 0,14 % pro Monat angegeben werden. Die Chemnitzer Finanzwissenschaftler sehen das Hauptproblem in dem Formblatt: Aus den seit Januar 2017 gesetzlich vorgeschriebenen Produktinformationsblättern gingen die Kosten nicht verständlich hervor. Man sollte eine Beispielrechnung hinzufügen, dann würden den Menschen die Konsequenzen der unübersichtlichen Angaben klarer.“ Nicht ohne Probleme sei auch die neue Kostengröße der „Effektivkosten“. Zwar sei diese Größe finanzmathematisch korrekt berechnet worden. Aber kaum ein Verbraucher könne sich darunter etwas vorstellen. Beispielsweise verringerten Effektivkosten von 2,2 % bei einem monatlichen Sparbetrag von 200 Euro nach 35 Jahren und einer angenommenen jährlichen Rendite von 6 % im Endeffekt das Rentenvermögen um rund 105.000 Euro. Diesen Betrag habe der Sparer weniger für die eigene Rente. „Die Kosten für Provision, laufende Verwaltung und Management entsprechen in diesem Fall über einem Drittel des angesparten Endwerts dieser Vorsorgeform“, so Thießen. Deshalb raten die Wissenschaftler: „Verbraucher, die sich für eine Rürup-Rente interessieren, sollten sich vor Vertragsabschluss die absoluten Beträge für sämtliche Kosten in Form einer Beispielrechnung zeigen lassen.“ Dass nicht nur dies die stockende Nachfrage erklären kann, liegt auf der Hand. Es gibt weitere Aspekte, wie Ansgar Lürwer, Leiter Vorsorge Produktmanagement – Altersvorsorgeprodukte & Innovationen bei Axa erklärt: „Auch bei der Rürup-Rente haben Kunden ein ganz klares Grundbedürfnis nach Sicherheit; so sollten die eingezahlten Beiträge auf jeden Fall erhalten bleiben. Auf der anderen Seite wollen und vor allem brauchen sie aber auch die Chance auf Rendite. Auch Flexibilität ist enorm wichtig. Ein Produktformat, das 30 Jahre lang unverändert bespart werden kann, entspricht nicht mehr der Realität.“ Biografien änderten sich genauso wie die Kapitalanlagesituation.

Lürwer: „Wir haben daher mit der Relax Rente schon 2014 ein Produkt auf den Markt gebracht, das ausreichend Sicherheiten bietet, sich an verschiedene Kundenbedürfnisse und veränderte Marktbedingungen anpassen lässt bzw. automatisch anpasst mit dem Ziel: So viel Garantie wie nötig und so viel Rendite wie möglich.“ Einen weiteren Punkt erläutert Amar Banerjee, Leiter Versicherungsproduktion und Mitglied der Geschäftsleitung von Swiss Life Deutschland: „Die Rürup-Rente verfügt über bestimmte Eigenschaften, weshalb sie nicht in der Breite der Bevölkerung platziert werden kann. Dazu zählen etwa fehlende Merkmale wie Kapitalisierbarkeit, Vererbbarkeit und Beleihbarkeit.“ Diese Besonderheiten schmälerten aber keinesfalls den Erfolg der Rürup-Rente, biete sie doch zum Beispiel für Selbstständige, die sich nicht für eine Riester- oder eine bAV-Förderung qualifizieren, die einzige Möglichkeit auf eine steuerliche Förderung. Das Produkt sei in diesem Fall eine sinnvolle und gleichzeitig attraktive Option, um steuerlich gefördert eine pfändungsgeschützte Altersvorsorge aufzubauen. Es wird also eher eine Nische bedient, wie Banerjee fortfährt: „Die Basisrente hat darum für bestimmte Zielgruppen und bei Vorliegen der entsprechenden Rahmenbedingungen ganz klar ihren Nutzen und ihre Daseinsberechtigung.“ Klaus-Peter Klapper, Leiter Produkt- und Vertriebsmarketing der Stuttgarter Lebensversicherung, hält mit einer Modernisierung dagegen: „In der Tat spielen die steuerlichen Vorteile der Rürup-Rente eine wichtige Rolle. Darüber hinaus bietet sie aber noch weitere Vorzüge.“ Sein Beispiel: die Stuttgarter Basis- Rente in den Varianten performance-safe und index-safe. Mit ihnen könne der Kunde auch während der Laufzeit eine Anpassung an die jeweilige Marktsituation vornehmen und Renditechancen nutzen. (hdm)