Schmerzhafte Normalisierung

Michael Beck, Leiter Asset Management Ellwanger & Geiger / Foto: © Ellwanger & Geiger

Zuerst die Gewinnmitnahmen, dann der Ausverkauf. Die monatelange Rekordfahrt der internationalen Aktienmärkte ohne nennenswerte Volatilität ist abrupt zu Ende gegangen. Aufgrund der relativ hohen Bewertungen ist durchaus nachvollziehbar, dass der ein oder andere Marktteilnehmer einzelne Gewinnmitnahmen startet. Die Ausverkaufsszenarien haben damit dennoch wohl weniger zu tun. Hauptauslöser dieses Ausverkaufs dürfte der massiv gestiegene Anteil des automatisierten Handels am Handelsvolumen gewesen sein. Denn die fundamentalen Wirtschaftsdaten sind unverändert gut, allenfalls indirekt sorgen sie dafür, dass Investoren steigende Inflationsraten (z. B. über steigende Löhne) und damit steigende Zinsen befürchten. In den USA hat die Zentralbank Fed die Leitzinswende bereits eingeläutet und die langfristigen Zinsen steigen dort seit geraumer Zeit stetig. Nicht zuletzt die Anleger, die von Anleihen in Aktien umgeschichtet haben, haben durch ihre Anleihenverkäufe dazu beigetragen. Auch in Deutschland ist die Rendite der 10-jährigen Bundesanleihe von 0,45 % auf 0,72 % gestiegen. Dieser Anstieg kann aber diese Korrektur von z. B. deutschen Aktien kaum rechtfertigen. Bis der langfristige Zins in Europa die Höhe der stetig wachsenden Dividendenrenditen erreicht, muss er noch lange steigen.

Eher sind hier trendverstärkende Handelssysteme, Stop-Loss-orientierte Strategien und Short-Seller als Ursachen des Ausverkaufes auszumachen. Dennoch kann diese Korrektur, auch wenn sie übertrieben scheint und im Ausmaß schmerzhaft ist, als durchaus gesund bezeichnet werden. Denn die langanhaltende Aufwärtsbewegung bei minimalen Volatilitäten (Kurs-Schwankungen) führte zu immer höheren Bewertungen an den Aktienmärkten. So ist diese Korrektur auch eine Rückkehr zu einer „Normalität“, in der der Assetklasse Aktien wieder eine Risikoprämie zugestanden wird. Da das fundamentale Rahmenumfeld nach wie vor intakt ist, können sich langfristig orientierte Investoren wohl über günstige Einstiegskurse freuen. Insbesondere, da in Deutschland mit dem Pilotabschluss in der baden-württembergischen Metall- und Elektroindustrie ein Belastungsfaktor (Streiks) wegfällt. Inwieweit sich die Bildung einer „Kompromiss-GroKo“ auf die Beruhigung der Aktienmärkte auswirkt, muss noch abgewartet werden. Politische Börsen haben jedoch kurze Beine und in ausgeprägten Korrekturphasen prozyklisch mitzuverkaufen hat sich selten ausgezahlt. Antizyklisches Investieren ist nun gefragt, auch wenn man damit noch etwas warten sollte, bis die größten Irritationen vorüber sind. Nur damit kann der Grundstein für zukünftige Performanceerfolge gelegt werden.

Marktkommentar von Michael Beck, Leiter Asset Management Bankhaus ELLWANGER & GEIGER KG