Schlummerndes Potential ist gigantisch

Die Euphorie war groß als Narendra Modi im Mai 2014 zum indischen Premierminister gewählt wurde. Seine Partei, zuvor zehn Jahre in der Opposition, erzielte einen überraschend klaren Sieg.

Modi setzte unverzüglich ein Reformprogramm auf, das Indien in einen modernen Staat mit einer funktionierenden Wirtschaft transformieren soll. Die Anfangseuphorie ist mittlerweile der Einsicht gewichen, dass nachhaltige Änderungen Zeit brauchen. So vielfältig wie das Land sind auch die Probleme. Aber das Potential für die Zukunft ist gigantisch.

In den Jahren vor der Regierung Modis hat das Land deutlich an Wettbewerbsfähigkeit verloren. Schlechte Infrastruktur, hohe Inflation und Zinsen, eine schwache Währung, hohes Budgetdefizit, ein überfordertes Bildungssystem und ein angespanntes Bankensystem standen stellvertretend für die Misere. Indien hat im Vergleich zu anderen Schwellenländern nach wie vor einen niedrigen Industrialisierungsgrad. Obwohl der Subkontinent in den vergangenen Jahrzehnten einen bemerkenswerten Aufstieg hinter sich hat, blieb die produzierende (Export)-Industrie weit zurück.

Modi hat viele Initiativen auf den Weg gebracht: Er lockerte die Budgetdisziplin und Steuerreformen wie etwa die Absenkung des Unternehmenssteuersatzes von 30 auf 25 Prozent in den nächsten vier Jahren. Zudem soll die Einführung einer nationalen Umsatzsteuer im Frühjahr 2016 die Wirtschaft ankurbeln. Neben einem umfassenden Privatisierungsprogramm sollen auch die Bundesstaaten mehr Autonomie und einen höheren Anteil an den Steuereinnahmen erhalten.

Wer schon mal in Indien war, kennt ein weiteres essentielles Problem: Die katastrophale Infrastruktur. Hier sollen künftig gewaltige zusätzliche Ausgaben und ein nationaler Infrastrukturfonds helfen. In Planung sind zudem 50 Millionen neue Häuser und 100 sogenannte Smart Cities.

Mindestens genauso wichtig sind Modis Initiativen zur digitalen Transformation. Programme wie etwa „Make in India“ oder „Digital India“ sollen das Land in eine neue digitale Zukunft führen. Ähnlich wie in China entstehen auch in Indien millionenfach Unternehmen, die in erster Linie im Bereich Dienstleistung digitale Lösungen anbieten. Vor einigen Wochen traf sich Modi im Zuge einer USA-Reise mit den CEOs von Google, Apple und Facebook, um über Indiens digitale Infrastruktur zu diskutieren.

Die ersten Erfolge sind sichtbar. Das Programm „Make in India“ hat dazu geführt, dass 2015 mehr ausländische Direktinvestitionen nach Indien flossen als nach China bzw. in die USA. Erst kürzlich war Bundeskanzlerin Merkel auf Indienreise, um die Wirtschaftsbeziehungen in Schwung zu bringen und Investments deutscher Unternehmen in Indien zu vereinfachen.

Doch es gibt noch einiges zu tun. Modis absolute Mehrheit reicht nicht immer aus, um seine Pläne durchzusetzen. Auch das Bildungswesen ist stark verbesserungswürdig und beim Thema Korruption und Vetternwirtschaft ist noch einiges aufzuarbeiten.

Aus Börsensicht kann man bereits einen gewissen Modi-Effekt erkennen. Während die europäischen und asiatischen Börsen heute etwa zwischen 15 und 40 Prozent unter ihren Höchstständen aus dem April notieren, steht Indien mit einem Minus von nur 9 Prozent relativ gut da. Sollte Premierminister Modi mittelfristig seinen Kurs fortsetzen können, werden die Unternehmen und die Wirtschaft davon profitieren. Das sollte sich dementsprechend auch an der Börse durch höhere Kurse niederschlagen.

Autor: Klaus Martini, Geschäftsführer Plückthun Asset Management