Rücksetzer bleiben Kaufgelegenheiten

Gottfried Urban, Vorstand der Bayerische Vermögen AG / Foto: © Bayerische Vermögen AG

Selten gingen die Meinungen über die weitere Entwicklung an den Märkten so auseinander wie jetzt. Auf der einen Seite stehen die Analysten, die nach den stärkeren Korrekturen an den globalen Aktienmärkten Kaufgelegenheiten erkennen. Auf der anderen, der Seite der Verkäufer, finden sich die charttechnisch orientierten Marktteilnehmer.

Den Chartisten interessiert kein politisch Ereignis und keine Bilanzkennzahl. Jede neue Information schlägt sich sofort in den Kursen nieder. Und aus deren Ausschlägen leitet der Charttechniker dann zum Beispiel frühzeitig Trendwendepunkte ab.

Wie ist nun das aktuelle Kursbild der Märkte zu deuten? Durch die starken Kurseinbrüche sind einige Aufwärtstrends gebrochen. Bei ausbleibender Markterholung könnte demnächst eine obere Umkehrformation ausgebildet werden, was zu einem weiteren Verkaufssignal führen würde. An den Zinsmärkten deutet sich aus technischer Sicht an, dass die Zinsen zumindest in den USA wohl noch etwas anziehen werden.

Charttechniker stehen auf der Verkäuferseite

Der technisch orientierte Kursbilddeuter sollte aktuell also eher auf der Verkaufsseite stehen oder schon verkauft haben. Fundamental orientierte Investoren sehen aktuell dagegen wieder Kaufsignale, wenn trotz stabiler Unternehmensgewinne die Kurse fallen.

Entscheidend ist die konsequente Anwendung der einen oder der anderen Methode. Wer einmal die fundamentale Seite und bei der nächsten Entscheidung die Markttechnik entscheiden lässt, der wird wenig Erfolg haben. Idealerweise sollte eine der beiden Methoden immer die Nummer eins in der Entscheidungsfindung bleiben. Meine Nummer eins bleibt die fundamentale Betrachtung von Märkten und Kursen.

Eines dürfte gesichert sein: Wenn der Dax in diesem Jahr noch ein neues Allzeithoch schafft, dann wäre der Weg frei für weit höhere Kurse. Kurvendeuter und Trendfolger müssen spätestens dann wieder investieren.

Crash-Angst spricht gegen schnelles Ende der Hausse

Welches Ereignis könnte ein Kursfeuerwerk auslösen? Die Aussicht auf einen neuen Kanzler könnte Auslandskapital anziehen. Das Ende der diversen Handelsstreitigkeiten, ein Gesetz für mehr Beteiligung der Deutschen am Produktivkapital oder ein neues Investitions- und Beschäftigungsprogramm für die Eurozone könnte ebenfalls solche Kurstreiber sein.

Ohne solche Stimulation werden die Anleger trotz Nullzinsen nicht in einen Aktien-Kaufrausch verfallen. Solange die Euphorie ausbleibt, bleibt auch das Ende der guten Börsenzeit noch fern. Solange die Marktteilnehmer eher an einen Crash als an weiter steigende Kurse glauben, wird die Börse weiterhin zwei Schritte vor und einen Schritt zurück machen.

Kolumne von Gottfried Urban,
Vorstand der Bayerische Vermögen AG, München