Rückkehr der „German Angst“?

Thomas Wüst, Geschäftsführer valorvest Vermögensverwaltung / Foto: © valorvest

Flash-Crash, Eskalation im Handelsstreit, Chaos in der Politik und das frühe Aus des DFB-Teams bei der Fußball-WM. Die Entwicklungen im ersten Halbjahr werden in zahlreichen Berichten zu einem düsteren Bild vereint, das für die Zukunft nichts Gutes erahnen lässt. Die Zeit ist reif für Crash-Propheten und medial geschürte Weltuntergangsstimmung: die Rückkehr der „German Angst“ wird zelebriert. Doch genau in solchen Situationen ist es wichtig, die Lage nüchtern zu analysieren, um mit seiner individuellen Anlagestrategie konstruktiv und diszipliniert seine gesteckten Ziele zu erreichen.

Die erste Jahreshälfte stand am Aktienmarkt unter dem Eindruck eines Flash-Crashs Anfang Februar, der den DAX über 1.000 Punkte gekostet hat. Nicht vergessen darf man dabei jedoch, dass der DAX noch im Januar bei 13.559 Punkten einen neuen Rekordstand erreicht hatte. Dennoch ist die Halbjahresbilanz des DAX-Performanceindex mit einem Minus von 4,7 Prozent deutlich im roten Bereich. Vergleicht man diese Kursentwicklung mit den Aktienindizes der Eurostaaten, hat der DAX im ersten Halbjahr am schlechtesten abgeschnitten, was angesichts des zunehmenden Protektionismus und als Exportweltmeister nicht verwundert. Unter Druck standen auch chinesische Aktien im Shanghai A Shares Index, der umgerechnet in Euro mehr als 13 Prozent verloren hat, ebenfalls bedingt durch die Strafzollspirale. Aus Sicht des Euro-Anlegers waren US-Aktien –Dank der Aufwertung des US-Dollars um 2,6 Prozent gegenüber dem Euro – auf Basis des S&P 500 mit knapp fünf Prozent im Plus.

Am Anleihemarkt haben die Entwicklungen rund um die Italien-Wahl und die jüngste Senkung der Konjunkturprognose der Wirtschaftsforschungsinstitute für einen Renditerückgang von 0,42 auf 0,30 Prozent geführt. Interessanterweise gab es in der ersten Jahreshälfte eine Parallelität zwischen der Renditeentwicklung der zehnjährigen Bundesanleihe und dem DAX: In Phasen steigender Renditen hat der DAX tendenziell zugelegt, während er in Phasen fallender Renditen zumeist unter Druck Stand. Dieser Zusammenhang resultiert aus einer Risk-Off-Bewegung, bei der Anleger aus risikobehafteten Anlagen in sichere Häfen flüchten, was man durchaus als Einfluss geopolitischer Entwicklungen auf die risikobehafteten Anlageformen interpretieren kann, worunter auch Schwellenländeranleihen und -währungen gelitten haben. Dabei war eine Abflachung der Zinsstrukturkurve besonders in den USA zu beobachten.

Ausblick Aktien

Auch in der zweiten Jahreshälfte muss man mit der Fortsetzung des Handelskriegs zwischen der USA und dem Rest der Welt rechnen. Anleger, die bisher den Fokus in ihrem Portfolio stark auf den DAX ausgerichtet haben, sollten daher über eine Internationalisierung ja Europäisierung ihres Aktienbestandes nachdenken. Wie wichtig die Diversifikation auf verschiedene Regionen dieser Welt ist, hat das erste Halbjahr gezeigt. Neue Handelsabkommen, wie beispielsweise mit Japan oder den Mercosur-Staaten, schaffen auch wieder Spielraum für neue Chancen in der EU. Bei einer Internationalisierung eines Portfolios sollte bei US-Aktien jedoch das ambitionierte Bewertungsniveau beachtet werden.

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