Rohöl vor Aufwertung

von Jon Andersson, Head of Commodities bei Vontobel Asset Management / Foto: © Vontobel Asset Management

Die Organisation erdölexportierender Länder, kurz OPEC, hat keine andere Wahl, als die Kürzung der Ölfördermengen in ihren nächsten Sitzungen am 1. Juli (OPEC) und 2. Juli (OPEC+) auf unbestimmte Zeit zu verlängern. Die Produktionskürzungen sind notwendig, um den Ölpreis zu stützen, der zuletzt aufgrund von globalen Rezessionsschwankungen und Handelskriegsängsten zwischen den USA und China unter Druck geraten ist. Die Erwartung, dass weitere Kürzungen der Ölfördermengen vorgenommen werden, ist jedoch unbegründet. Nur wenn die OPEC davon ausgeht, dass sich die Rohölnachfrage, wie im Falle eines ausgewachsenen Handelskrieges zwischen den USA und China, deutlich abschwächen wird, könnten sich die Mitgliedsstaaten dazu gezwungen sehen, weitere Kürzungen vorzunehmen. Wahrscheinlicher ist jedoch, dass sich die OPEC auf die Einhaltung der Produktionsquoten konzentrieren wird. Das bedeutet, den Druck auf den Irak und einige andere Quotenbetrüger zu erhöhen, damit die vereinbarte Ölfördermenge zumindest in der zweiten Jahreshälfte eingehalten wird.

Zudem könnten sich nach dem geplanten Treffen zwischen US-Präsident Donald Trump mit seinem chinesischen Amtskollegen Xi Jinping auf dem G20-Gipfel in Osaka die Befürchtungen einer Verschlechterung der Handelsbeziehungen zwischen den USA und China auflösen und den Ölpreis ankurbeln, der in relativ kurzer Zeit frühere Höchststände von 75 US-Dollar pro Barrel erreichen könnte. In der zweiten Jahreshälfte könnte sich außerdem die Ölpreiserholung aufgrund von drei wichtigen Aufwärtsindikatoren noch verstärken:
• Beilegung des Handelsstreits zwischen den USA und China,
• Verordnung der internationalen Seeschifffahrtsorganisation (IMO), die die Reedereien zwingt, qualitativ hochwertigeren Kraftstoff zu verwenden,
• Mögliche Versorgungsunterbrechungen im Nahen Osten aufgrund von schlechter werdenden Beziehungen zwischen den USA und dem Iran.

Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass Saudi-Arabien es dem Ölpreis erlauben wird, bis an die Marke von 100 US-Dollar zu steigen. Lieber wird das Land seine Produktion steigern, um eine weitere Preiserhöhung einzudämmen.

Risikofaktor Iran

OPEC+ wird zwar die Rohölpreise stützen, der Iran könnte sie jedoch massiv in die Höhe schnellen lassen. Vieles hängt davon ab, ob und wie die USA und der Iran ihre Streitigkeiten beilegen. US-Präsident Donald Trump stehen hierfür zwei Möglichkeiten zur Verfügung, wie er auf die angeblichen Tanker- und Drohnenangriffe in der Straße von Hormuz reagieren kann: Einen militärischen Gegenangriff oder die Verhängung weiterer Sanktionen. Beide Möglichkeiten sind jedoch für Donald Trump problematisch; für den Rohölpreis dagegen förderlich. Eine militärische Reaktion von Seiten der USA würde für ihn bedeuten, eines seiner Wahlversprechen „America First“ zu brechen. Darüber hinaus ist es eher unwahrscheinlich, dass eine militärische Antwort den Iran an den Verhandlungstisch bringen wird.

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