Risiko: Klimawandel und Kriege

Dass die Völkerwanderung mit Millionen von Menschen auch Risiken mit sich bringt ist nicht neu; dass zu den Ursachen neben den Kriegen auch der Klimawandel zählt schon. Eine neue Studie warnt.

2016-01-11 (fw/db) Die UBS Group AG (UBS) veröffentlicht die Studie “Climate change: a risk to the global middle class”. Die Themen der Studie sind die finanziellen Schäden des Klimawandels und dessen Folgen und Auswirkungen für die globale Mittelschicht.

Zur Mittelklasse gehören weltweit schätzungsweise eine Milliarde Menschen. Somit verfügt die Mittelschicht über beträchtliche Vermögenswerte und politischen Einfluss und ist ein Schlüsselfaktor, wenn es um die Wahrung des sozialen Friedens und des wirtschaftlichen Wachstums geht. Angesichts der Größe, Kaufkraft und Dynamik dieser Bevölkerungsschicht stellt die durch den Klimawandel bedingte Wohlstandserosion eine Bedrohung für die ökonomische und soziopolitische Stabilität dar. Gleichzeitig verfügt die Mittelschicht über das größte Potenzial, Veränderungen herbeizuführen.

Um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Mittelschicht zu messen, untersuchte UBS das Konsumverhalten der Mittelklasse in 215 Städten weltweit. Dabei wurden die Konsumgewohnheiten den Risiken des Klimawandels für die betreffenden Städte gegenübergestellt. Die Studie kommt zum Schluss, dass die Menschen in Städten, die vom Klimawandel am stärksten bedroht sind, etwa Los Angeles, Tokio und Shanghai, markant unterschiedliche Ausgabeprioritäten setzen.

Steigende Wohn- und Nebenkosten

Im jeweiligen nationalen Vergleich gibt die Mittelschicht in diesen Städten zwischen 0,6 und 0,8 Prozent mehr fürs Wohnen aus. In den vom Klimawandel besonders betroffenen US-Städten belaufen sich die Mehrausgaben der Mittelschichtsbewohner auf jährlich 800 bis 1600 US-Dollar. Sie kompensieren dies, indem sie verhältnismäßig weniger für Luxusgüter, Unterhaltung und langlebige Haushaltsgüter aufwenden.

In den großen Metropolen unserer Welt lebt nahezu ein Viertel der globalen Bevölkerung, welches rund die Hälfte des globalen BIP erwirtschaftet. Diese Konzentration von Menschen und Wohlstand in den urbanen Zentren ist nicht nur für die einheimische Wirtschaft von großer Bedeutung, sondern auch für global agierende Unternehmen und Investoren. Der größte Teil der globalen Mittelschicht lebt in Südostasien, der Region mit der am schnellsten wachsenden Stadtbevölkerung in den letzten Jahren.

„Der Klimawandel hat bereits reale, nicht zu unterschätzende Auswirkungen auf die globale Bevölkerung. Laut Prognosen werden die Wetterverhältnisse in den kommenden Jahren immer problematischer. UBS engagiert sich stark dafür, dass die Auswirkungen des Klimawandels im Interesse der internationalen Gemeinschaft und Wirtschaft gemildert werden können“, sagt Caroline Anstey, Global Head UBS and Society.

„Die Mittelklasse verfügt über zwei wichtige Eigenschaften, aufgrund derer sie unbedingt in die Debatte über den Klimawandel miteinbezogen werden muss: substanzielle Vermögenswerte und politischen Einfluss. Sollte die Mittelschicht signifikant unter den Auswirkungen des Klimawandels zu leiden haben, wird eine Reaktion nicht ausbleiben und eine entschiedene Antwort der politischen Entscheidungsträger erfordern. Dies ist auch einer der Hauptgründe, weshalb das Abkommen an der jüngst in Paris durchgeführten Framework Convention on Climate Change der Vereinten Nationen (UNFCCC) von allen 196 Teilnehmerstaaten unterzeichnet wurde – denn die Bedrohung ist real“, ergänzt Paul Donovan, Global Economist, UBS Investment Bank.

Die Risiken infolge des Klimawandels steigen

Die finanziellen Kosten, welche die mit dem Klimawandel in Verbindung stehenden Ereignisse für Staat und Steuerzahler verursachen, sind bereits spürbar, denn trotz des zunehmenden Risikos von Naturkatastrophen ist die globale Mittelschicht ungenügend versichert.

In den USA, wo die Versicherungsdichte in den von der Studie erfassten Gebieten am höchsten ist, sind immer noch ein Drittel (32 Prozent) aller wetterbedingten Schäden nicht versichert.

Menschen, die keinen Zugang zu Versicherungsdeckung haben, sind daher auf das von der US-Regierung eingerichtete Auffangnetz angewiesen, was wiederum ökonomische Folgen für den Steuerzahler hat: Zwischen 2011 und 2013 beliefen sich die Kosten in den USA für die staatliche Katastrophenhilfe für Schäden aus Hurrikanen, Überschwemmungen und Dürren auf 136 Milliarden US-Dollar, was im Durchschnitt knapp 400 US-Dollar pro Haushalt pro Jahr entspricht.

In den weniger entwickelten sowie den aufstrebenden Ländern ist die Mittelschicht in der Regel unterversichert. So ist die Versicherungsdurchdringung in den Schwellenländern verglichen mit den Sach- und Immobilienwerten äußerst gering (0,12 Prozent in China und 0,07 Prozent in Indien).

Neue Risiken durch Völkerwanderung

Im Jahr 2000 lebte nahezu die Hälfte der sechs Milliarden Erdbewohner in Städten, und die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass diese Zahl bis 2025 auf über 60 Prozent weiter ansteigt. Diese von der Klimaentwicklung ausgelöste Migrationsbewegung birgt enormes Konfliktpotenzial.

Das US-Verteidigungsministerium ist der Auffassung, dass die ohnehin schon volatile Risikosituation durch den Klimawandel weiter „angeheizt“ wird und sich bestehende Feindschaften und Spannungen verschärfen könnten.

Ein Beispiel: Während in den Medien ausführlich darüber berichtet wird, wie die Syrer vor dem Krieg und wirtschaftlichen Kollaps nach Europa fliehen, ist die extreme Dürreperiode von 2006 bis 2011 bestenfalls eine Randnotiz wert. In nur fünf Jahren verlor Syrien 85 Prozent seines Viehbestands und verzeichnete stark einbrechende Ernteerträge.

In der Folge verschlechterte sich die Ernährungssituation bei den Kindern und suchten 1,5 Millionen Landbewohner ihr Heil in der Stadt. Diese Lebensumstände führten zu Protesten, die im heutigen Bürgerkrieg gipfelten.

Als politisches Thema ein (zu) heißes Eisen?

Studien haben gezeigt, dass der Mensch bei einem Temperaturanstieg auf über 30 °C Mühe bekundet, sich an die neuen Verhältnisse anzupassen und dass die Sterblichkeitsraten ansteigen. Im Jahr 2015 herrschte in knapp 25 Prozent der im Rahmen der Studie analysierten Städte eine mittlere Jahrestemperatur von über 20 °C. Einer über einen Zeitraum von zehn Jahren in 15 europäischen Städten durchgeführten Studie zufolge bewirkt nur schon eine Zunahme um 1 °C über die jeweilige mittlere Temperatur im Sommer einen Anstieg der Mortalität (Sterblichkeitsrate) von zwei bis drei Prozent.

Langfristig dürften die Temperaturen auf ein Niveau klettern, das nicht nur für die Gesundheit der Menschen problematisch sein wird, sondern auch die physische Infrastruktur belasten – und möglicherweise zu Schäden führen wird. Angesichts der globalen Vernetzung haben sogar lokale klimabedingte Vorfälle potenzielle Auswirkungen auf die Weltwirtschaft.

Von der Erkenntnis zur Maßnahme

Die Studie kommt aber auch zum Schluss, dass die globale Mittelschicht sich dieser Problematik immer mehr bewusst wird und sich an den Klimawandel anzupassen beginnt, auch wenn dieser Anpassungsprozess noch recht zögerlich und sporadisch verläuft. Aufgrund der politischen und sozialen Bedeutung der Mittelklasse könnte die zunehmende ökonomische Anfälligkeit die Entscheidungsträger zu einer innovativeren Politik zwingen. Doch ob Investitionen und Innovationen genügen, um Wohlstand und Status der Mittelschicht zu wahren, bleibt abzuwarten.

finanzwelt-Leserservice: Die Studie ist hier im Internet in voller Länge verfügbar.

Dietmar Braun