quirin bank: Marshall-Plan für Griechenland nötig

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Philipp Dobbert, Volkswirt der quirin bank, analysiert in einem aktuellen Marktkommentar die künftige Situation in Griechenland. Zu übertriebener Freude und Erleichterung bestehe demnach kein Anlass, so Dobbert.

(fw/ah) “Alle sind froh über die Zustimmung von Regierung und Parlament in Griechenland zum nächsten Sparpaket, das endlich die Wende im nicht enden wollenden Schuldendrama bringen soll. Die Finanzmärkte sind froh, weil eine ungeordnete Pleite Griechenlands zunächst abgewendet worden ist. Die griechische Regierung ist froh, weil sie mit ihrer Zusage die eigene Zahlungsfähigkeit über den Rettungsschirm weiter sicherstellt. Und die Europäische Union ist froh, weil sie den Griechen substanzielle Anstrengungen abringen konnte, die zu einer nachhaltigen Verringerung der Schuldenlast führen sollen. Zusammen mit dem geplanten Schuldenschnitt sind so die Weichen für eine Beruhigung der Griechenland-Krise gelegt. So froh man auch über eine solche Sichtweise sein könnte: Sie trifft nicht zu, denn sie übersieht zweierlei. Zum einen wäre da die wirtschaftliche Depression in der Griechenland sich befindet. Auch im Schlussquartal 2011 ist die hellenische Volkswirtschaft wieder deutlich geschrumpft, und zwar mit 7 % zum Vorjahr noch stärker als zuvor. Insgesamt ist das Wirtschaftswachstum in Griechenland damit schon das siebte Quartal in Folge negativ – und das zusätzlich zu 4 Quartalen mit Negativwachstum in der ursprünglichen Krise 2008/2009. Zum Vergleich: In Deutschland ist das Wirtschaftswachstum seit dem 2. Quartal 2009 wieder durchgängig positiv (mit Ausnahme des 4. Quartals 2011, das aber auch nur leicht negativ abschloss). Die gesamtwirtschaftliche Situation in Griechenland könnte also aussichtsloser kaum sein. Hiermit hängt der zweite Umstand, der auf den ersten Blick oft übersehen zu werden scheint, eng zusammen: Zwar haben die Regierungsparteien und das Parlament den drakonischen Sparmaßnahmen zugestimmt, die Bevölkerung hat dies aber offensichtlich nicht getan. Die Proteste und Ausschreitungen der letzten Tage sprechen eine an Deutlichkeit kaum zu überbietende Sprache. Dabei werden viele der Betroffenen wohl nachvollziehen können, dass eine Konsolidierung des griechischen Staatshaushalts dringend geboten ist. Das Problem für sie allerdings ist, dass diese Sparmaßnahmen an ihrer desolaten wirtschaftlichen Lage nicht nur nichts ändern, sondern diese noch drastisch verschlimmern werden. Ganz allgemein: Nicht nur der griechische Staatshaushalt braucht eine klare Zukunftsperspektive, sondern auch der griechische Bürger. Und: Wenn er keine hat, wird es auch keine für den Staatshaushalt geben – dafür könnten Streiks und Ausschreitungen letztlich sorgen.

Damit wird ganz praktisch ersichtlich, was die ökonomische Theorie schon seit Beginn der Griechenland-Krise deutlich kommen sieht: Das Festhalten Griechenlands in der Währungsunion um jeden Preis steigert die Anpassungskosten für die griechische Bevölkerung in Form von Lohnverzicht und öffentlichen Ausgabenkürzungen so sehr, dass zusätzliche Unterstützung durch die übrigen Euro-Länder erforderlich sein wird. Ein Marshallplan für Griechenland ist unter dieser politischen Maßgabe unumgänglich. Dieser müsste über langfristige Infrastrukturinvestitionen – Straßen, Schienen, Schulen – für eine konjunkturelle Stützung und vor allem eine Belebung des Arbeitsmarkts sorgen. Andernfalls wird die griechische Bevölkerung wirtschaftlich nicht willens und in der Lage sein, die beschlossenen Spar- und Reformmaßnahmen weiter mitzutragen. Die Konsequenz aus den Finanzhilfen, die ein Überleben des griechischen Staates innerhalb der Euro-Zone sicherstellen sollen, ist zwingend also auch ein Maßnahmenpaket, das ein Überleben der griechischen Volkswirtschaft sicherstellt und damit auch der griechischen Bevölkerung eine Zukunftsperspektive gibt. Eine Euro-Zone mit 17 Mitgliedsländern gibt es nur als kostspielige Transferunion. Zugegeben, auch ein (möglicherweise nur temporäres) Ausscheiden Griechenlands aus der Gemeinschaftswährung würde erhebliche Anpassungskosten für die griechische Bevölkerung mit sich bringen und dadurch ebenfalls weitere Unterstützungsleistungen der wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Nachbarn in Europa erfordern. Diese Kosten wären aber ohne die Hürde einer für Griechenland zu starken Währung wie dem Euro deutlich geringer. Das unbeirrte Festhalten am Euro der 17 ist politisch legitim, lässt aber diese Kosten immer weiter steigen – ein Umstand, der selten so klar benannt wird. Der Marshallplan für Griechenland ist nur die nächsthöhere Sprosse auf der Leiter.”

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