Potenzial für digitale Anlageberatung in Deutschland ist gewaltig

Karl Matthäus Schmidt

Fast 10 Jahre bietet die quirin bank AG mit Sitz in Berlin inzwischen Honorarberatung an. Zusätzlich zur persönlichen Beratung wurde vor einem Jahr mit quirion ein Robo-Advisor gegründet, um online–affinen Anlegern die bequeme Geldanlage im Netz zu ermöglichen und die FinTech-Banche aktiv mitzugestalten.

Über Honorarberatung und die Ziele der Berliner Privatbank sprach finanzwelt mit Karl Matthäus Schmidt, Gründer und Vorstandschef der quirin bank AG. finanzwelt: Obgleich über politische Entscheidungen vernünftig auf den Weg gebracht, bleibt Honorarberatung eine Nische und erfährt bei Weitem nicht solch eine Nachfrage wie das provisionsbasierte Pendant. Täuscht somit der Eindruck oder ist Honorarberatung schlussendlich nur gut verdienenden Kunden „vorbehalten“? Schmidt: Unabhängige Anlageberatung gegen Honorar eignet sich grundsätzlich für jedermann, weil sie die einzige Form der Finanzberatung ist, die frei von Interessenskonflikten agiert und den Kunden unabhängig vom Verkauf irgendwelcher Produkte berät. Auch wenn der Begriff vielleicht so klingt, als ginge es um die vermeintlich teurere Form der Anlageberatung, ist dies mitnichten der Fall. Denn unabhängige Beratung – und um diese geht es im Kern – spart dem Kunden teure Folgekosten und hohe Verluste, die er beim provisionsbasierten Vertrieb nur allzu häufig in Kauf nehmen muss. In der Honorarberatung zahlt der Kunde die Beratung direkt und erhält dafür kostengünstige und auf seinen Bedarf zugeschnittene Anlageprodukte. Und, was noch wichtiger ist: er bekommt ein langfristiges Anlagekonzept, das zu ihm passt. finanzwelt: Inwieweit sehen Sie Ihre vor knapp 10 Jahren prognostizierten Ziele im Bereich der Honorarberatung mit der quirin Bank als erfüllt an? Schmidt: Entscheidend für unseren Unternehmenserfolg ist, dass möglichst viele Kunden unsere verbraucherfreundliche Form der Anlageberatung kennenlernen. Diese Form der Beratung ist in Deutschland leider immer noch zu wenig bekannt. Hier gilt: systematische und konsequente Transparenz schafft Vertrauen und führt langfristig sowohl für die Kunden als auch die Berater zum Erfolg. Als quirin Bank haben wir unsere Ziele mit 2,7 Mrd. Euro an verwaltetem Vermögen und rund 10.000 Kunden, die heute ihr Geld bei uns anlegen, bestens erreicht. finanzwelt: Dennoch setzen Sie mit quirion seit 2015 auf sog. Robo-Advisory: Verdrängt ein robotisiertes, mechanisches Dienstleistungsangebot nicht die Philosophie einer unabhängigen, honorarbasierten persönlichen Beratung? Schmidt: Unser digitaler Anlageberater ergänzt unser Angebot der persönlichen Beratung perfekt. Kunden, die sich eigenverantwortlich im Internet ihre Anlagestrategie auswählen wollen, sind bei quirion richtig aufgehoben. Sie können dies bequem und günstig ab 10.000 Euro Anlagevolumen und für nur 0,48 % der Anlagesumme tun. Wer zusätzlich eine persönliche Beratung braucht, bucht ab 37,50 Euro seinen Berater bei Bedarf einfach mit dazu. Ein wichtiger Vorteil von Robo-Advisern ist ja nicht nur deren Kosteneffizienz, sondern auch die Kostentransparenz. Das haben wir mit dem Geschäftsmodell der Honorarberatung quasi vorweggenommen. Gleichzeitig war uns klar, dass ein solches Prinzip in einem breiten Markt nur funktioniert, wenn man es kostengünstig anbieten kann – damit war der Weg in die automatisierte Anlageberatung im Netz vorprogrammiert. finanzwelt: Haben die Auswirkungen nach dem Provisionsverbot in UK Einfluss bei dieser Entscheidung gehabt? Schmidt: Die Entwicklungen im Vereinigten Königreich bis hin zu einem Verbot von Provisionen sind für uns spannend, weil sie die Qualität der Finanzberatung verbessert haben. Das hat sicherlich einen gewissen Einfluss auf unsere Überlegungen gehabt, ausschlaggebend war aber letztlich der Megatrend zur Digitalisierung, der die Finanzwelt massiv verändern wird. Ich persönlich gehe davon aus, dass wir in 2026 etwa 30 % des Bankgeschäfts digital abwickeln werden. Darauf müssen wir heute schon vorbereitet sein. finanzwelt: Welches Potenzial sehen Sie dahingehend für Ihre Bank? Schmidt: Das Potenzial für die digitale Anlageberatung in Deutschland ist gewaltig, Wir gehen von 4,2 Mio. Menschen aus, die für eine solche Lösung offen sind. Mit quirion wollen wir in 5 Jahren rund 60.000 Kunden und weit über eine Milliarde Euro an Vermögen verwalten. Damit hätten wir gerade einmal 1,5 % des Marktes für uns erschlossen. finanzwelt: Abschließend gefragt: Inwieweit wird sich der Status des Beraters Ihrer Meinung nach verändern? Schmidt: Ich gehe davon aus, dass wir in den nächsten Jahren eine weitgehende Automatisierung des Anlageprozesses erleben werden. Dem persönlichen Berater wird dann eine neue Rolle zukommen. Er wird künftig für die komplexen Fragestellungen und die ganzheitlichen Lebens- und Finanzziele des Kunden ein wichtiger Ansprechpartner bleiben. Außerdem fungiert er als Bindeglied zwischen Kunde und digitaler Welt. Wir werden künftig als hybrider Anlageberater agieren, der dem Kunden das jeweils Beste aus beiden Welten anbietet. Die quirin bank AG hat dabei einen großen Vorteil: sie ist Bank und FinTech in einem Haus.

(Das Interview führte Marc Oehme, freier Journalist aus Mainz)