Positive Signale aus Frankreich

Axel D. Angermann, Chefvolkswirt von FERI / Foto: © FERI

Frankreichs Wirtschaft befindet sich in einem Aufschwung, der im weiteren Jahresverlauf durchaus an Stärke gewinnen könnte. Zwar lag das Wachstum im ersten Quartal 2017 mit einem Plus von 0,3% im Vergleich zum Vorquartal etwas niedriger als der Durchschnitt des Euroraums. Doch die meisten Konjunkturindikatoren zeigen weiter aufwärts. Dass die wirtschaftlichen Perspektiven kurz vor der entscheidenden Stichwahl um die Präsidentschaft freundlich sind, liegt vor allem an der Binnennachfrage:

  • Mehr als 300.000 zusätzliche Beschäftigte in den vergangenen beiden Jahren haben zu einem Anstieg des verfügbaren Einkommens und damit des privaten Konsums beigetragen.
  • Frankreich ist eines der wenigen Länder im Euroraum, in dem sich die niedrigen Zinsen in einer spürbar höheren Kreditvergabe nicht nur an Konsumenten, sondern auch an Unternehmen niederschlagen. Nicht zuletzt deshalb sind die Ausrüstungsinvestitionen in den vergangenen Quartalen deutlich gestiegen.
  • Der Immobilienmarkt hat sein bis in das Jahr 2015 reichendes Tief überwunden: Steigende Baugenehmigungen und Baubeginne bescheren der Bauwirtschaft neue Aufträge – insbesondere der Wohnungsbau hat zuletzt positiv zum Wirtschaftswachstum beigetragen.

Hinzu kommt, dass die wirtschaftliche Dynamik nicht mehr von der Konsolidierung des Staatshaushaltes belastet wird: Von 2011 bis 2015 hatte Frankreichs Regierung ihr strukturelles Haushaltsdefizit von -4,5% des BIP auf -2% des BIP verringert. Im vergangenen Jahr verbesserte sich der Saldo nur noch geringfügig um 0,1 Prozentpunkte, und im laufenden Jahr wird er sich wahrscheinlich wieder leicht verschlechtern.

Auf der Grundlage eines soliden Zuwachs im privaten Verbrauch, eines weiter steigenden Staatskonsums und anziehender Exporte sollte Frankreichs Wirtschaft im laufenden Jahr mit 1,4% wachsen. Das wäre der höchste Wert seit dem Jahr 2011. Im kommenden Jahr könnte das Wachstum sogar auf 1,7% steigen.

Die gravierenden Strukturprobleme Frankreichs sind damit allerdings nicht verschwunden. Die Arbeitslosigkeit ist mit 10% nach wie vor sehr hoch. Der hohe Anteil des öffentlichen Sektors, eine hohe Besteuerung und zahlreiche Regulierungen (von denen die 35-Stunden-Woche die höchste Symbolkraft hat) dämpfen weiterhin das Wachstumspotenzial des Landes und schlagen sich in einer insgesamt hohen Staatsverschuldung nieder, die den Spielraum des Staates für investive und zukunftsgerichtete Ausgaben einschränkt.

Der Vergleich der Wahlprogramme zwischen Macron und Le Pen zeigt, dass die Franzosen am kommenden Sonntag eine echte Wahlmöglichkeit zwischen entgegengesetzten wirtschaftspolitischen Ausrichtungen haben. Ein Präsident Macron verspricht eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik, die auf Offenheit, den Abbau von Regulierungen und eine Verkleinerung des öffentlichen Sektors setzt und auch der europäischen Integration neue Impulse verleihen will. Aus deutscher Sicht säße dann im Elysee-Palast ein Politiker, mit dem der deutsch-französische Motor, der die europäische Integration oft befeuert hatte, wiederbelebt werden könnte, der allerdings der deutschen Politik auch einiges abverlangen würde. Gemeinsame Eurobonds oder ein europäischer Wirtschaftsminister sind Themen, über die in Berlin noch einmal neu nachgedacht werden müsste.

Ein Präsident Macron kann für Reformen zwar konjunkturellen Rückenwind nutzen, muss sich allerdings zunächst einmal eine parlamentarische Mehrheit organisieren, die derzeit noch nicht in Sicht ist. Nach dem 7. Mai werden also alle Augen schon wieder auf die entscheidenden Wahlen gerichtet sein: die zur französischen Nationalversammlung am 11. und 18. Juni.

Marktkommentar von Axel D. Angermann, Chef-Volkswirt der FERI-Gruppe