Physisch stabil, Papier labil

Das Metall führt weiterhin ein Doppelleben: Wie wohl die Nachfrage nach Gold eine stabile, positiv erscheinende Langfristtendenz aufzuweisen scheint, so scheint es im „Papiermarkt” spekulative, letztlich wohl auch manipulative Tendenzen zu geben, wie Untersuchungen der FCA Financial Conduct Authority vom Mai dieses Jahres belegen.

Institutionen wie das „London Gold Fixing” wackeln. Die Deutsche Bank hat sich zum 13. Mai 2014 aus dem erlauchten Kreis verabschiedet.

Die Zahlen des World Gold Council für das erste Quartal 2014 weisen auf eine gesunde Stabilität im Markt für physisches Gold hin: Per Saldo hat sich die Nachfrage vom ersten Quartal 2014 mit 1.074 Tonnen zum Vergleichsquartal des Vorjahres nur marginal verändert. Auch die Goldproduktion hat sich auf ähnlichem Niveau stabil verhalten, mit 1.048 Tonnen im ersten Quartal 2014 stieg sie um 1 % im Vergleich zum Vorjahresquartal. Interessant erscheinen zwei Zahlen: Die Abflüsse aus den ETFs haben sich auf fast null reduziert, dafür ist die Nachfrage der Zentralbanken, insbesondere derer aus Fernost und Russland, enorm angestiegen, im ersten Quartal waren es ca. 100 Tonnen. Außerhalb des ersten Quartals, im April 2014, erwarb allein die russische Zentralbank in einem größeren Deal 900.000 Unzen Gold für ca. 1,17 Milliarden US-Dollar – von Experten als ein weiterer strategischer Schritt auf dem Wege zur aktuell von der sino-russischen Achse betriebenen Auflösung der Weltleitwährung US-Dollar angesehen.

Trends in der Goldnachfrage Erstes Quartal 2014
Trends in der Goldnachfrage

Quelle: ©World Gold Council

Insgesamt erscheint der Markt für physisches Gold, gemäß den nackten Zahlen des World Gold Council, fast vorbildlich stabil. Für 2014 erscheinen einige Makrotrends wichtig: Im Mai 2014 hat die indische Zentralbank, die Reserve Bank of India, ihre Importbeschränkungen für Gold aufgeweicht. Nachdem der Schmuggel von Goldbarren auf den traditionellen Pfaden aus Pakistan nach Indien den Drogenschmuggel fast verdrängt hatte, waren diese de facto zwecklos geworden. Nunmehr dürfen weitere sieben privatwirtschaftliche Organisationen Gold importieren, was die Goldpreise in Indien mittelfristig reduzieren soll, aber eine tendenziell stark steigende Nachfrage auslösen wird. Die russische Zentralbank wird nach allgemeinen Erwartungen ihre Goldkäufe ausweiten und dafür US-Staatsanleihen abstoßen, China wird nach allgemeiner Erwartung weiter Goldreserven aufstocken, aber die bislang die Preise noch niedrig haltenden CCFDs auf Goldbasis in der aktuellen Form womöglich nicht aufrechterhalten können, sollte eine am 18.3. 2014 vom Wirtschafts-Informationsdienst Bloomberg zitierte Studie von Goldman Sachs Recht behalten. Die Studie geht von einem Unwind der CCFDs innerhalb eines Zeitraums von 12 bis 24 Monaten aus.

Umso faszinierender ist die schillernde Welt des Papier-Goldes. Nach einem massiven Skandal um die Vorwürfe langjähriger Manipulation des Goldpreises im Londoner Fixing hat die Deutsche Bank nach Pressemeldungen zum 13. Mai ihren Sitz im Londoner Fixing einfach aufgegeben, da sich scheinbar kein Käufer finden ließ.

Ein aktueller Beweis für die bislang als Verschwörungstheorie abgetane Manipulation im Londoner Fixing: Die englische FCA Financial Conduct Authority (wie die deutsche BaFin, aber mit Zähnen) verdonnert laut eigener Pressemitteilung vom 23. Mai 2014 die Barclays Bank zu einer Strafzahlung von gut 23 Mio. englischen Pfund. Hintergrund: Ein Trader von Barclays hat, laut FCA, 2012 zu einem Zeitpunkt vorsätzlich den Goldpreis beim 3-Uhr Fixing durch die Auslösung von Verkaufsordern von zwischen 40 und 60.000 Unzen, die er aber nur für eine Minute Bestand haben ließ und dann zurückzog, abwärts manipuliert. Die sekundengenauen Charts bei Nanex zeigen eindrucksvoll, wie der Goldpreis durch vermutlich nur fiktive Order unter eine gewünschte Schranke gezogen wurde.

Dies ist zwar nur ein Beispiel eines einzigen Traders bei einer einzigen Institution für so genannte „Slams” oder „Mini-Pukes”. Befragt man aber Experten und studiert die teilweise millisekundengenauen Charts, sind das jedoch fast tägliche Ereignisse. Bislang gehörten Spekulationen über die Manipulation des aus 1919 stammenden Rituals des Londoner Fixings, dessen Preisfindung den 20-Trillionen-Markt für das Metall und dessen Derivate direkt bewegt, zu den belächelten Verschwörungstheorien. Nachdem nunmehr die Realität jede Verschwörungstheorie überholt zu haben scheint, ist die Korruption des Londoner Fixings (nur in diesem einen von der FCA abgestraften Falle, beeilen wir uns aus rechtlichen Gründen festzustellen) auch nicht mehr überraschend. Es ist auch nicht erstaunlich, dass laut bloomberg.com vom 05.03.2014 in den USA ähnlich begründete Sammelklagen über erhebliche Streitwerte gegen diverse Banken anhängig sind.

Aktuelles zu Goldnachfrage und Goldpreis

Welche Faktoren bewegen in nächster Zeit die Nachfrage nach physischem Gold und damit auch den Goldpreis? Wir sprechen mit Tino Leukhardt, Vertriebsdirektor bei pro aurum, über die aktuellen Einflussfaktoren.

finanzwelt: Welche Angebots- und Nachfragetrends werden aus Ihrer Sicht kurz- und mittelfristig Auswirkungen auf den Goldpreis haben?

Tino Leukhardt 2Leukhardt: Diese Frage ist nach den jüngsten Nachrichten aus Asien nicht leicht zu beantworten, obwohl ich weiterhin davon ausgehe, dass Asien – hier insbesondere China und Indien – ein Nachfragetreiber in der Zukunft bleiben wird. Weiterhin gehe ich davon aus, dass sich die zukünftigen geldpolitischen Entscheidungen der EZB (Zinssenkungen und weitere eventuelle Stimulationsprogramme) positiv auf die Nachfrage nach Edelmetallen und somit auch auf deren Preis auswirken werden.

finanzwelt: Wie werten Sie die jüngsten Entwicklungen in Indien und China hinsichtlich der Goldnachfrage?

Leukhardt: Wie eben bereits erwähnt, gehe ich in diesen beiden Ländern von einer weiterhin steigenden Nachfrage nach Edelmetallen im institutionellen und privaten Sektor aus, auch wenn China aktuell sinkende Einfuhrzahlen gemeldet hat. Die gerade zu Ende gegangenen Parlamentswahlen in Indien lassen auf eine Entspannung hoffen. Der aktuell gewählte Präsident wurde im Wahlkampf massiv von der indischen Goldlobby unterstützt, so dass mit einer Lockerung der Einfuhrbeschränkungen von Gold gerechnet werden kann. Erste Maßnahmen in dieser Richtung wurden bereits bekannt. Indien ist bekannt für seine traditionell hohe Goldnachfrage.

finanzwelt: Wie bewerten Sie die vor kurzem bekannt gewordenen Vorwürfe der Manipulation des Goldpreises, insbesondere, warum es bestimmten Akteuren nötig scheint, den Preis manipulieren zu müssen?

Leukhardt: Dass der Goldpreis, wie übrigens viele andere Assetpreise auch, regelmäßig und organisiert manipuliert wird, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Über die Gründe der jeweiligen Akteure lässt sich trefflich spekulieren. Wir, die Edelmetalle als Investment verkaufen, beteiligen uns grundsätzlich nicht an entsprechenden „Verschwörungstheorien”. Für durchaus interessant halte ich dennoch die Tatsache, dass diese Thematik in letzter Zeit häufiger und offensiver in den Medien erscheint. Ob wir hier eine Aufklärung oder sogar ein Ende der Manipulationen erwarten können, bezweifle ich jedoch stark.

(cs)

Gold im Frühjahr – Printausgabe 03/2014