Nur angeknockt oder schon ausgezählt?

Martin Gräfer

Auch rund 15 Jahre nach ihrer Einführung muss sich die Riester-Rente vehement gegen Kritik zur Wehr setzen. Der schlimmste Vorwurf: Sie sei einzig und allein als Konjunkturprogramm für die Lebensversicherer erdacht worden. Martin Gräfer, Vertriebsvorstand der Bayerischen, beweist im Gespräch mit finanzwelt das Gegenteil.

finanzwelt: Die gesetzliche Rente ist derzeit ein Reizthema in den Medien. Einer Studie zufolge glaubt nur noch ein Drittel der Deutschen, davon einmal leben zu können. Wie ist es tatsächlich um ihre Zukunft bestellt? Gräfer: Ihre Frage enthält grundsätzlich eine positive Botschaft: Die Menschen verschließen endlich nicht mehr ihre Augen davor, dass allein die gesetzliche Rente im Alter nicht reichen wird. Das reine Wissen um die prekäre Rentensituation bewahrt zwar noch nicht vor der drohenden Altersarmut, lässt aber darauf hoffen, dass die Motivation, eine private Zusatzvorsorge abzuschließen, größer wird. Meiner Meinung nach gibt es für nahezu jeden Bedarf eine rentable Absicherung – auch für Geringverdiener oder Alleinerziehende. Wir dürfen das Risiko der Altersarmut in Deutschland nicht leugnen, jeder von uns hat aber die Möglichkeit, aktiv dagegen vorzugehen. finanzwelt: Wie sähe denn die perfekte Absicherung aus? Gräfer: Aus meiner Sicht hat sich das Drei-Säulen-Modell der Altersvorsorge bewährt. Die Rede ist von der gesetzlichen Rente, kombiniert mit einer betrieblichen Altersversorgung und einer privaten Rente. finanzwelt: Stichwort Niedrigzinsphase: Welche privaten Rentenversicherungen machen denn überhaupt noch Sinn? Gräfer: Sowohl die klassische Lebensversicherung als auch Fondspolicen haben ihre Berechtigung und werden künftig nachgefragt werden – das hängt ganz von der persönlichen Situation des Kunden und seinem individuellen Sicherheitsbedürfnis ab. Eine absolute Sicherheit in Form einer Beitragserhaltgarantie nimmt natürlich sehr viel Entwicklungspotenzial. Daher ist es in vielen Fällen ratsam, den Fokus auf eine Reduktion der Volatilität zu richten, was beispielsweise durch Multi Asset- bzw. vermögensverwaltende Lösungen möglich ist. Eine Lösung, an die ich persönlich ganz besonders glaube, ist die staatlich geförderte Riester-Rente. Riester ist ein wunderbares Produkt für verschiedene Kundengruppen und rechnet sich durch die hohen Zuschüsse für jeden. finanzwelt: Manche fordern aber sogar deren Abschaffung. Gräfer: Die derzeitige Diskussion zu Riester halte ich für alles andere als zielführend. Vielmehr verunsichert sie die Bürger grundlos. Bevor man einen Fehler macht, macht man dann lieber nichts – das ist meistens der größte Fehler. Die geäußerte Kritik kann ich zudem nicht nachvollziehen. Ich kann eine Fülle von konkreten Verträgen zeigen, die deutlich machen, dass die zusätzliche Vorsorge durch diese staatlich geförderte Altersvorsorge für unsere Kunden hoch attraktiv und geeignet ist, Altersarmut zu verhindern. Leider ziehen sich viele andere Anbieter – auch große Versicherer – zunehmend aus diesem Geschäftsfeld zurück. Da sollte man in meinen Augen dagegenhalten. Die Bayerische hat kürzlich eine neu konzeptionierte und inhaltlich neu aufgebaute Riester-Rente auf den Markt gebracht. Zudem haben wir eine Aufklärungsoffensive gestartet und die Initiative „pro Riester“ mitgegründet, um pauschale Vorurteile aus der Welt zu schaffen. finanzwelt: Sie haben Geringverdiener und Alleinerziehende angesprochen, die sich mitunter am schwersten beim Aufbau einer privaten Altersvorsorge tun. Was empfehlen Sie diesen Kundengruppen? Gräfer: Ganz klar: Riestern! Riester rechnet sich in den meisten Fällen sehr gut – unabhängig vom Einkommen. Geringverdiener und Alleinerziehende oder Familien mit Kindern profitieren besonders durch die hohen jährlichen Zulagen vom Staat. Neben den direkten Zulagen profitieren Verbraucher aber auch von großzügigen Steuervorteilen – der Staat fördert also gleich auf zwei Arten. Wichtig ist zu wissen, dass es sich bei der Riester-Rente nicht um ein Sparprodukt handelt. Es geht also nicht darum, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt ein bestimmtes Guthaben zur Verfügung steht, um sich damit irgendetwas zu kaufen. Daher sollte nicht nur die Rendite in der Ansparphase betrachtet werden, sondern auch die Tatsache, dass mit Riester eine Rente erworben wird, die ein ganzes Leben lang leistet. Natürlich setzt das diszipliniertes Sparen über Jahrzehnte voraus. Aber dieses Durchhaltevermögen zahlt sich am Ende aus. finanzwelt: Können Sie uns ein konkretes Beispiel geben? Gräfer: Wir haben kürzlich Bestandsverträge ausgewertet. Darunter war etwa ein Vertrag einer Frau mit zwei Kindern, der 2002 begonnen hat und bis heute eine Wertentwicklung von 3,5 % pro Jahr auf Basis des Gesamtbeitrags erreicht hat. Dabei wurden die Eigenbeiträge und die geflossenen Zulagen ins Verhältnis zum aktuellen Guthaben gesetzt. Berechnet man die bisherige Wertentwicklung rein auf Basis der Eigenbeiträge, also der Beträge, die der Frau vom Konto abgebucht wurden, beträgt sie sogar 14,5 % jährlich. Dabei sind eventuelle zusätzliche Steuervorteile noch gar nicht berücksichtigt worden. Ich kann Ihnen versichern, solche Verträge sind keine Einzelfälle. Und Hand aufs Herz: Kennen Sie eine alternative Rentenlösung, die solche Wertentwicklungen in Kombination mit hoher Sicherheit und Förderung bieten? finanzwelt: Eine abschließende Frage: Derzeit ist in Politikerkreisen häufig von der Deutschlandrente die Rede, ein kapitalgedecktes Produkt, in das die Bundesbürger automatisch einzahlen. Was halten Sie von einem solchen Produkt? Gräfer: Das konterkariert die von der Politik bereits eingeführte Deutschlandrente – nämlich die Riester-Rente. Außerdem wäre die Verlockung für Politiker groß, sich zur Finanzierung anderer Projekte in dem Geldtopf zu bedienen, den die Deutsche Rentenversicherung managen soll. Die Idee der Deutschlandrente an sich ist übrigens uralt und wurde bereits in der Vergangenheit als nicht zielführend eingestuft und aus diesem Grund nicht weiter verfolgt. Ich frage mich: Was sollen Menschen von einem politischen Entscheidungshandeln halten, das die eigenen Gesetze und Konzepte nach wenigen Jahren schon wieder über den Haufen wirft? (hwt)