Notenbankpolitik: EZB in Warteposition

Dr. Marc-Oliver Lux von Dr. Lux & Präuner / Foto: © Dr. Lux & Präuner

Etwa alle sechs Wochen tagt die Europäische Zentralbank (EZB) und beschließt über geldpolitische Maßnahmen. Zur Zeit steht die EZB wieder unter besonderer Beobachtung der Finanzwelt. Alle warten darauf, ob sie ihr „Quantitative Easing“, sprich ihr Anleihen-Kaufprogramm, weiter fortführt. Offiziell ist im Frühjahr 2017 Schluss, aber die Märkte hoffen auf eine Zugabe.

Normalerweise stellt die EZB Liquidität bereit, indem sie Banken gegen Sicherheiten Kredite gewährt. Seit Sommer 2014 jedoch pumpt sie direkt, ohne den Umweg über Banken, Geld in die Wirtschaft. Das Hauptargument für diese ungewöhnliche Maßnahme war, dass die normalen Instrumente der Geldpolitik nicht mehr wirken. Die Notenbank hat die Refinanzierungszinsen für Banken schon fast auf Null reduziert und versorgt sie quasi unbegrenzt mit Liquidität.

Wenn in dieser Lage eine deflationäre Entwicklung droht, braucht die Notenbank andere Instrumente. In der Tat liegt die Inflationsrate im Europa immer noch weit entfernt von dem Inflationsziel der EZB von zwei Prozent. Andererseits erwarten die meisten Konsumenten keine fallenden Preise. Auch die EZB prognostiziert für die nächsten Jahre Inflation und eine langsame Annäherung an ihren Zielwert von 2%. Man muss jedoch daran zweifeln, dass Quantitative Easing die Konjunkturschwäche in der Eurozone beheben kann. Es spricht viel dafür, dass die Ursache nicht im fehlenden Kreditangebot liegt, sondern in fehlender Kreditnachfrage.

Viele privaten Haushalte und Unternehmen in den Krisenstaaten der Eurozone sind bereits zu hoch verschuldet. Sie bemühen sich derzeit, ihre Schulden abzubauen, was ihnen nur teilweise gelingt. Gleichzeitig halten viele Banken Kredite an überschuldeten Unternehmen und Haushalten in ihren Büchern. Es ist notwendig, diese Kredite abzuschreiben. Kurzfristig ist es jedoch bequemer, sie zu verlängern und auf bessere Zeiten zu hoffen. Den Banken würde es helfen, wenn die EZB ihnen faule Kredite zu überhöhten Preisen abnehmen würde, aber damit würde der Bereich der Geldpolitik verlassen, die Steuerzahler in Europa würden geschädigt. Das Überschuldungsproblem wird so nicht gelöst.

Außerdem hat die Liquiditätspolitik der EZB negative Nebenwirkungen. Vor allem droht eine Preisblase auf den Aktien- und Anleihenmärkten sowie auch im Immobilienmarkt, so dass ein neuer Finanzcrash entstehen könnte. Für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Eurozone ist es entscheidend, dass faule Kredite und andere versteckte Risiken in Bankbilanzen offengelegt und Kapitallücken geschlossen werden. Die Bereinigung der Bankbilanzen innerhalb der europäischen Banken hängt der Entwicklung in Amerika meilenweit hinterher. Die amerikanischen Banken haben nämlich mittlerweile wieder eine äußerst solide Position erreicht.

Die EZB steht vor schwierigen Entscheidungen: wie muss das Wertpapierkaufprogramm angepaßt werden, damit die Bundesanleihen nicht knapp werden, und in welcher Form soll es nach März 2017 weitergeführt werden? Auf ihrer letzten Sitzung Ende Oktober hat die EZB eine weiter abwartende Haltung eingenommen. Die Sitzung im Dezember wird wohl mehr Aufschluss liefern, zumal im Dezember die neuen volkswirtschaftlichen Prognosen veröffentlicht werden.

Grundsätzlich scheint sich die Erkenntnis durchgesetzt zu haben, dass die Geldpolitik an ihre Grenzen gestoßen ist und zunehmend dem Finanz- und Versicherungssektor schadet. Vor diesem Hintergrund erscheint eine monatliche Verringerung des Kaufvolumens ab April 2017 sinnvoll. Der Nachteil wäre jedoch, dass in diesem Fall die Kurse von Anleihen aus der europäischen Peripherie unter Druck kommen könnten, da die EZB als größter Käufer auf Sicht ausfallen würde. Wahrscheinlich wird die EZB daher mit Blick auf die europäische Peripherie das Wertpapierkaufprogramm in seiner gegenwärtigen Form bis September 2017 verlängern.

Unsere Einschätzung:

Die Zinsen bleiben am Boden. Keine Hoffnung für Sparer. Weiterhin bleibt aber auch völlig unklar, wie sich die EZB aus ihrer Geldflut-Sackgasse hinausmanövrieren will, ohne dass es nicht zum Renten-Crash oder zu einer weiteren Finanzkrise in Europa kommt. Vielleicht erfährt sie etwas Unterstützung von der amerikanischen Notenbank, die die Zinszügel bereits langsam anzieht. Es könnte den Zinsmarkt langsam an die Idee eines höheren Zinsniveaus gewöhnen.

Kolumne von Dr. Marc-Oliver Lux, Dr. Lux & Präuner GmbH & Co. KG München