Noch ist keine globale Rezession in Sicht

Christan Heger, Chief Investment Officer HSBC Global Asset Management (Deutschland) / Foto: © HSBC

Die Unterstützung durch expansive Geldpolitik schwindet, und die wirtschaftliche Wachstumsdynamik lässt nach. Positiv sind aber solide Gewinne und eine moderate Bewertung.

Eskalierende Handelskonflikte, schwächere Konjunkturzahlen und Geldabflüsse aus den Emerging Markets: Geht dem Börsenaufschwung die Luft aus? In der Tat liegt die schönste aller Welten hinter uns. Die Zeit der expansiven Geldpolitik ist vorbei. Die US-Notenbank Fed schrumpft ihre Bilanz und dürfte im zweiten Halbjahr in zwei weiteren Schritten den Leitzins auf 2,5 Prozent anheben. Die Europäische Zentralbank (EZB) plant bis Dezember 2018 das Ende des Anleihenkaufprogramms. In mehr als der Hälfte der Emerging Markets stehen im zweiten Halbjahr restriktive geldpolitische Maßnahmen bevor.

Schwächerer Euro liefert Rückenwind

Auch das synchrone Wachstum ist passé. Während in den USA der Aufschwung mit hoher Dynamik läuft, haben sich die Perspektiven in der Eurozone und einigen Emerging Markets spürbar eingetrübt. Allzu großer Konjunkturpessimismus ist aber nicht angebracht. Immerhin erholten sich die Stimmungsindikatoren in der Eurozone im Juni nach der Talfahrt seit Jahresbeginn wieder. Kein Wunder, der schwächere Euro liefert den Exporten neuen Rückenwind.

Zudem sollte der Druck des Ölpreisanstiegs sinken. So haben Russland und Saudi-Arabien auf der letzten OPEC-Sitzung ein höheres Fördervolumen vereinbart. Zusammen mit dem rekordhohen Angebot aus den USA ist selbst bei reduzierter Förderung des Irans ein Anstieg über 80 Dollar je Barrel wenig wahrscheinlich.

Auch manche Sorgen um die Emerging Markets scheinen überzogen. Zwar belasten höhere US-Zinsen und ein fester Dollar die Kapitalzuflüsse. Zahlreiche Staaten sind darauf jedoch weniger als früher angewiesen. Von den berühmten Fragile Five aus 2013 sind mit der Türkei und Südafrika nur noch zwei übrig. Brasilien, Indien und Indonesien sind mit niedrigeren Leistungs- und Haushaltsdefiziten deutlich weniger krisenanfällig. Gleichzeitig scheint China wieder seine Stop-and-Go-Politik anzuwenden. Die zweite Senkung des Mindestreservesatzes innerhalb weniger Wochen zeigt zusammen mit dem Abschwächen des Renminbi, dass die chinesische Notenbank auf Expansion umgeschaltet hat. Für eine Rezession der Weltwirtschaft ist es daher noch zu früh. Schließlich sind auch die Bremsmanöver der internationalen Notenbanken moderat.

Aktuell belastet der sich verschärfende Handelskonflikt zwischen USA und China die Aktienmärkte. Falls sich aber die Stimmung in der USA verschlechtern und die Wall Street in eine Korrektur zwingen sollte, dürfte die amerikanische Politik ins Nachdenken kommen. Mit niedrigen Aktienkursen und möglichen Sorgen um Arbeitsplätze lassen sich bei den Zwischenwahlen im November deutlich schwerer Stimmen gewinnen.

Zeit großer Risikoübernahme ist vorbei

Anleger sollten sich daher auf eine antizyklische Strategie einstellen. Trotz fehlender Unterstützung von der Zinsseite sind die meisten Aktienmärkte durch solide Gewinne und eine moderate Bewertung gut untermauert. Eine größere Korrektur böte daher eine Zukaufgelegenheit. Gleichzeitig sollte eine Erholung in Richtung der bisherigen Jahreshöchstkurse aber auch für einen Abbau genutzt werden. Generell ist die Zeit großer Risikoübernahme vorbei. Mehr als eine neutrale Aktiengewichtung ist im aktuellen fundamentalen Umfeld nicht gerechtfertigt.

Marktkommentar von Christian Heger,
Chefanlagestratege von HSBC Global Asset Management (Deutschland)