Niedrigzinsen sind (k)ein Dauerzustand

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Dr. Martin Lück

Viele Marktteilnehmer erwarten eine weitere Lockerung der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Was würde das für Investoren und deren Portfolioallokation bedeuten? finanzwelt befragte Dr. Martin Lück, Europavolkswirt UBS Deutschland AG, zu seiner Markteinschätzung.

finanzwelt: EZB-Präsident Mario Draghi hat signalisiert, dass die Europäische Zentralbank Maßnahmen ergreifen wird, um der niedrigen Inflation entgegenzuwirken und die Belebung im Euroraum zu unterstützen. Gehen Sie davon aus, dass die Geldpolitik bald gelockert wird?

Dr. Lück: Wir denken, die EZB wird sich zu weiterer geldpolitischer Lockerung gezwungen sehen, wenn der Inflationsausblick auch über 2015 hinaus sehr schwach bleibt, also etwa in der Größenordnung von 1,5 Prozent oder darunter. In diesem Fall würde die EZB ihr Inflationsziel deutlich nach unten verfehlen. Zuletzt ist öfter darauf hingewiesen worden, dass das Mandat der EZB symmetrisch zu verstehen ist, eine derart starke Abweichung nach unten die Bank demnach genauso unter Handlungsdruck setzt wie eine zu hohe Inflation.

finanzwelt: Die Kapitalmärkte hängen an den Notenbanken und die Preise liegen am Boden. Ist die Sorge vor einer Deflation berechtigt und was bedeutet dies für Investoren und deren Portfolioallokation?

Dr. Lück: Europa befindet sich zurzeit nicht in der Deflation, der letzte Inflationswert hat sogar die Hoffnung genährt, dass sich die Preisentwicklung wieder etwas kräftiger gestaltet. Dennoch ist der Eurozonendurchschnitt wohl nicht der richtige Referenzwert für etwaige Deflationsgefahren. So kann sich trotz eines beruhigend hohen Durchschnittswertes ein Teil der Eurozone in der Deflation befinden, was gerade im Fall hoch verschuldeter Länder die Gefahr einer Schuldendeflation bedeuten würde. Für Anleger heißt dies, dass je deutlicher und persistenter Deflationsrisiken an den Kapitalmärkten wahrgenommen werden, die Portfoliogewichtung sich zugunsten nominaler und zulasten realer Anlageformen verschieben sollte. Dies spricht also für Anleihen und gegen Aktien.

finanzwelt: 2013 war für die europäische Fondsindustrie ein gutes Jahr. Vor allem Aktienfonds standen in der Anlegergunst vorne. Setzt sich die wirtschaftliche Erholung fort? Wie tief steckt Südeuropa noch in der Krise?

Dr. Lück: Die beiden letzten Jahre waren für Risikoassets wie Aktien vor allem deshalb gut, weil die Zentralbank durch den sogenannten „Draghi-Put” dafür gesorgt hat, dass das Extremrisiko eines Auseinanderbrechens der Eurozone entschärft wurde. Auch die sehr großzügige Liquiditätszufuhr wirkte stimulierend auf die Aktienpreise. Inzwischen scheinen die Marktbewertungen aber an einem Punkt angekommen zu sein, an dem eine tatsächliche Verbesserung der Zahlen, also Makro-Wachstum und zunehmende Unternehmensgewinne, die Grundlage für höhere Bewertungen liefern muss. Dabei kommt der Frage, inwieweit Südeuropa auch fundamental aus der Krise herausgefunden hat, eine herausragende Bedeutung zu. Aus unserer Sicht ist hier Skepsis angebracht.

finanzwelt: Im vergangenen Jahr konnten Investoren mit amerikanischen Aktien gutes Geld verdienen. Sind Sie für die US-Wirtschaft optimistisch?

Dr. Lück: Die US-Indikatoren wie ISM und Arbeitsmarkt haben zuletzt weniger Grund für Optimismus geliefert. Wir denken aber, dass der extreme Winter hier eine wichtige Rolle gespielt hat und es zu früh ist, um die Dynamik der US-Volkswirtschaft in diesem Jahr zu beurteilen. Insgesamt bleiben wir optimistisch und erwarten für die USA ein Wirtschaftswachstum von rund 3 Prozent für den Jahresdurchschnitt 2014.

(ah)

Interview mit Dr. Martin Lück – Printausgabe 02/2014