Neuer Schwung mit alter Kanzlerin

Dr. Martin Moryson, Chefvolkswirt Sal. Oppenheim/ Foto: © Sal. Oppenheim

„Wahlkampf? Welcher Wahlkampf?“ möchte man denken, wenn man gegenwärtig die Zeitungen aufschlägt. Man hat das Gefühl, dass über den US-amerikanischen Wahlkampf im vergangenen Jahr mehr berichtet wurde als über die bevorstehende Bundestagswahl in diesem. Auch an den Börsen spielt die wichtigste deutsche Wahl offenbar keine Rolle. Aber vielleicht ist das in gewissem Sinne ja auch gerechtfertigt.

Allen Umfragen zufolge wird es weiterhin eine Bundeskanzlerin Merkel geben. Aus den Äußerungen der Kanzlerin lässt sich jedoch ablesen, dass es eine Änderung in der „Politik Merkel“ geben wird: hin zu mehr Europa. Die deutsch-französische Achse könnte neuen Auftrieb bekommen – und zwar unabhängig davon, wer Koalitionspartner in Berlin wird. Gelingt es Deutschland und Frankreich, die Vertiefung der Europäischen (Währungs-)Union voranzutreiben, wäre das ein Schritt hin zu einem deutlich krisenfesteren gemeinsamen Europa. Ein Gedanke, den noch vor einem halben Jahr – nach Brexit und Trump und vor den Wahlen in Frankreich – niemand zu träumen wagte. Wie schnell sich die (politischen) Gezeiten doch ändern.

Derweil möchte sich Emmanuel Macron mit einer Reform des französischen Arbeitsmarktes für seine europapolitische Agenda empfehlen. Bis Ende September sollte er auf dem Weg dahin ein gutes Stück vorangekommen sein. Die dann frisch gewählte Bundeskanzlerin würde das sicherlich außerordentlich goutieren und sich für eine Vertiefung der E(W)U offener zeigen. Letztlich wartet man auch in Brüssel darauf, dass die durch den Wahlkampf künstlich verlängerte politische Sommerpause zu Ende geht. All das könnte Europa tatsächlich zu neuem politischen und zusätzlichem wirtschaftlichen Schwung verhelfen, der in den vergangenen Jahren fehlte. Konjunkturell läuft es ja ohnehin seit einiger Zeit gut für Europa. Kommt dann noch eine (politische) Stimmungsaufhellung hinzu, dürfte Europa die Krise endgültig hinter sich gelassen haben.

Kolumne von Dr. Martin Moryson, Chefvolkswirt von Sal. Oppenheim