Neue Schwerpunkte in der Gesundheitspolitik?

07.02.2016

Health Care gewinnt deutlich an Bedeutung. Die Krankheitsjahre der Menschen steigen schneller als die Lebenserwartung. Die Krankheitskosten explodieren trotz Verdopplung der Todesfälle bis 2040.

2016-02-08 (fw/db) Derzeit sterben pro Jahr 38 Millionen Menschen weltweit an Krebs, Diabetes und Herzerkrankungen. Bis 2030 wird eine Zunahme auf 52 Millionen, bis 2040 sogar auf 62 Millionen erwartet. Ohne Gegensteuern werden die direkten und indirekten Kosten dieser Erkrankungen in den nächsten 15 Jahren fünfmal höher sein als die Kosten der Weltfinanzkrise seit 2008. Zu diesen Ergebnissen kommt die aktuelle Studie „Future of Healthy: How to Realize Returns on Health“ der internationalen Managementberatung Bain & Company in Kooperation mit dem World Economic Forum (WEF).

„Wir stehen kurz vor einer schweren weltweiten Gesundheitskrise. Die Krankheitsjahre eines Menschen steigen deutlich schneller als die Lebenserwartung“, warnt Dr. Norbert Hültenschmidt, Bain-Partner und Co-Autor der aktuellen Studie.

Neue Gesundheitspolitik sei notwendig

Ein gesundheitspolitischer Perspektivenwechsel sei dringend nötig. Bereits 2015 hat Bain im Rahmen seiner Studie „Maximizing Healthy Life Years“ festgestellt, dass Aufwendungen für ein gesundes Leben nicht länger ausschließlich als Kosten betrachtet werden sollten, sondern vielmehr als eine lohnende Investition in die Bevölkerung, die gleichzeitig die Anzahl der gesunden Lebensjahre erhöht.

„Wir müssen rasch handeln, sonst werden sich die Kosten der Gesundheitsvorsorge bis 2029 verdoppeln. Und das wäre eine untragbare Belastung mit schwerwiegenden Folgen für den wirtschaftlichen Wohlstand und die globale Stabilität“, so Experte Hültenschmidt.

Drei Viertel der Todesfälle verzeichnen Länder mit bis zu mittlerem Durchschnittseinkommen. 2050 werden 25 Prozent der Weltbevölkerung über 60 Jahre alt sein. 80 Prozent davon leben in diesen Ländern. Dort leiden immer mehr Menschen an Krebs, Diabetes und Herzerkrankungen. Darüber hinaus begünstigen Industrialisierung und Urbanisierung weltweit eine ungesundere Lebensführung.

Aufwendungen für die Gesundheitsvorsorge lohnen sich

Der Kampf gegen Krankheit zahlt sich aus. Die Bain-Studie aus dem Jahr 2015 identifiziert neun Faktoren, durch die sich der Gesundheitszustand eines Menschen verbessern kann und für die sich Investitionen lohnen. So zeigt eine Zehn-Jahres-Untersuchung von 3.000 Kindern in Südkalifornien die positiven Auswirkungen eines gesunden Wohnumfelds. Wer in der Nähe eines Parks lebt und sich deshalb mehr bewegt, hat mit 18 Jahren ein deutlich günstigeres Verhältnis von Körpergewicht zu Körpergröße (Body-Maß-Index). Investitionen in eine grüne Stadtentwicklung sind aber nicht nur aus Gründen der Gesundheit von Nutzen. Vorausschauende Projektplaner können durch mehr Grünflächen höhere Quadratmeterpreise erzielen als in anderen Wohngegenden.

Das Beispiel verdeutlicht, dass höhere Aufwendungen für die Gesundheitsvorsorge nicht nur Aufgabe von Politik und Krankenversicherungen sind. Laut der jetzt vorliegenden Studie von Bain und dem WEF bieten sich auch Unternehmen, Privatinvestoren und Technologieentwicklern zahlreiche Investitionsgelegenheiten.

„Oft allerdings besteht noch ein Missverhältnis zwischen denjenigen, die in Gesundheitsvorsorge investieren, und denjenigen, die davon finanziell profitieren. Wir brauchen ein ganzheitliches Gesundheitsökosystem, das diese Silos aufbricht und neue Lösungen ermöglicht“, stellt Bain-Partner Hültenschmidt fest.

Gezielte Aktionen erhöhen Gesundheitsbewusstsein

Für schnelle Resultate ist ein konsequentes Zusammenspiel aller Beteiligten notwendig. Staat und Gesellschaft entwickeln neue Gesundheitsstandards und -normen.

Technologische und gesellschaftliche Trends wie Digitalisierung, Sensorik oder die Gesundheit als Konsumware verändern das Verhalten der Bevölkerung. Durch Gemeinschaftsaktionen lassen sich Kosten und Nutzen der Investitionen gerechter verteilen.

Die ersten Erfolge zeigt die aktuelle Gesundheitsstudie auf:

·        Mit ihrem Gesundheitsprogramm „Fat Bird“ hat die Regierung von Singapur die Bevölkerung dazu gebracht, Laufen und andere sportliche Übungen in ihren Tagesablauf zu integrieren. Mit wachsender Teilnahme funktioniert das Programm selbstständig, ohne staatliche Unterstützung. Das Mehr an Bewegung verringern das Risiko von Übergewicht und die Ausgaben des Staats für die Folgekosten.

·        In den USA liefert ein gemeinnütziges Unternehmen eine Million Schulmittagessen pro Woche. Dank „Revolution Foods“ ernähren sich die Schüler bereits in früher Kindheit frischer, vitaminreicher und mit weniger zugesetztem Zucker. Viele von ihnen werden als Erwachsene diese gesunden Essgewohnheiten beibehalten und an ihre Kinder weitergeben.

·        Ein italienischer Sportgerätehersteller hat das Großprojekt „Wellness Valley“ initiiert, das Bewegungsprogramme, gesunde Produkte, Services und Tourismus umfasst. Insgesamt 200 Unternehmen, Behörden, Hotels und Universitäten unterstützen die Aktion. Dem Staat kommen die niedrigeren Kosten des Gesundheitssystems zugute, die Unternehmen profitieren von neuen Geschäftsmodellen und loyalen Mitarbeitern. Für die Bevölkerung wiederum liegen die Vorteile in neuen Arbeitsplätzen, Fitnessprogrammen und einer höheren Lebensqualität.

Neue marktwirtschaftliche Lösungen entstehen

Aus ihren Investitionen in die Gesundheitsvorsorge können Unternehmen gleich mehrfach Nutzen ziehen. So schneiden US-Firmen, die für ihre gesundheitspolitischen Aktionen ausgezeichnet werden, bei Aktienkurs und Ergebnis regelmäßig besser ab als der Durchschnitt der S&P-500-Konzerne. Zudem werden sich völlig neue marktwirtschaftliche Normen entwickeln. Maßnahmen zur Krankheitsbekämpfung könnten ebenso Teil des Geschäftsberichts werden wie heute schon Umwelt und Nachhaltigkeit. Oder es entstehen neue Aktienindizes für Unternehmen mit überdurchschnittlichem Engagement bei Gesundheitsthemen.

Drei wichtige Felder für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft

Bain hat drei Aktionsparameter für den nachhaltigen Erfolg der Gesundheitsvorsorge identifiziert:

1.   Voraussetzungen für ein gesundes Leben schaffen: Best-Practice-Vergleiche helfen Lücken in Prozessen, Angeboten oder auch Gesetzen zu identifizieren. Ein Zusammenschluss japanischer Unternehmen sammelt dafür beispielsweise die Daten von 300.000 Beschäftigten hinsichtlich ihres Wohlbefindens und ihrer Gesundheit am Arbeitsplatz.

2.   Menschen in den Mittelpunkt stellen: Um die Nachfrage der Konsumenten nach Gesundheitsprodukten und -dienstleistungen zu wecken, sollten Schulen, Behörden und Unternehmen gesundheitsbewusstes Verhalten fördern. Studien haben gezeigt, dass der soziale Vergleich ein wirkungsvolles Mittel ist. So verwenden Hotelgäste ihre Handtücher mehrere Tage, wenn andere dies auch tun; oder der Stromverbrauch wird gesenkt, wenn er über dem vergleichbarer Haushalte liegt.

3.   Innovationen ermöglichen: Für die Kooperation aller Interessensgruppen sollten Mittel und Plattformen bereitgestellt und alternative Finanzierungsmöglichkeiten erschlossen werden.

„Unternehmen, Gewerkschaften, Pensionsfonds und Krankenversicherungen müssen gemeinsam an dem großen Ziel eines umfassenden Ökosystems Gesundheit arbeiten. Nur durch diese marktwirtschaftlichen Lösungen werden neue Geschäftsmodelle entstehen, die das Leben der Menschen in aller Welt nachhaltig verbessern werden“, fordert Hültenschmidt abschließend.    

Dietmar Braun