Negativzinsen bis 2027?

Ottmar Wolf, Vorstand der FAM Frankfurt Asset Management AG / Foto: © FAM Frankfurt Asset Management AG

Mit der Neubesetzung des EZB-Chefpostens dürfte sich die lockere Geldpolitik in der Eurozone nicht nur fortsetzen, vielmehr ist bereits bald mit der Wiederaufnahme von Netto-Anleihekäufen oder sogar noch drastischeren Liquiditätsmaßnahmen zu rechnen. Für verschiedene Asset Klassen ergibt sich daraus ein deutlicher Rückenwind.

Nun ist die Katze also aus dem Sack: Christine Lagarde, seit 2011 geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF), wird im Herbst höchstwahrscheinlich an die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) rücken und das Wirken von Mario Draghi fortsetzen. Lagarde, die sich in der Vergangenheit stets positiv zur Politik des noch amtierenden EZB-Präsidenten geäußert hat, ist eine ausgewiesene Anhängerin von Anleihekäufen durch die Notenbank. Die Personalie Jens Weidmann scheint als EZB-Chef dagegen endgültig vom Tisch zu sein. Der Bundesbankchef hätte in der Marktwahrnehmung möglicherweise für eine Neuausrichtung der Notenbankpolitik gestanden.

Ohnehin zeichnet sich für den kommenden Winter bereits jetzt eine Wiederbelebung des QE-Programms (sog. „Quantitative Easing“) in Europa ab – und dies, nachdem die Netto-Anleihekäufe erst vor wenigen Monaten, im Dezember 2018, beendet worden waren. Hintergrund sind laut EZB die tiefen Inflationsraten in Europa. Es könnte aber auch sein, dass sich die Währungshüter doch mehr Sorgen um die konjunkturelle Lage machen, als sie dies offiziell verlautbaren lassen.

Damit erlebt der Kapitalmarkt aus unserer Sicht einen „Game-Changer“: Während vor eineinhalb Jahren noch fest von steigenden (Leit)Zinsen ausgegangen wurde und die „Zinsangst“ allgegenwärtig war, wissen wir heute, dass dies ein kollektiver Irrtum gewesen ist. Die Bund-Kurve hat sich – insbesondere am langen Ende – deutlich nach unten verlagert.

Im Tiefenrausch: Bundeskurve bis 15 Jahre im Minus

Nachdem sich die US-Notenbank FED im Frühjahr neu positioniert hatte (180-Grad-Wende von Zinserhöhungen hin zu voraussichtlichen Leitzinssenkungen), hat die EZB nun nachgezogen. Dabei ist zu bedenken, dass die Notenbankpolitik in den letzten Jahren der bedeutendste Einflussfaktor für die Börsenentwicklung war – und daran dürfte sich (zumindest auf mittel- bis langfristige Sicht) auch nichts ändern.

Nur stehen die Ampeln aktuell aber nicht mehr auf Rot, wie es 2018 bei der FED der Fall war, bzw. auf Gelb (EZB 2018), sondern auf Dunkelgrün (FED und EZB). Gleichzeitig ist unter Christine Lagarde (Amtszeit bis 2027) Kontinuität im Sinne der bisherigen Vorgehensweise zu erwarten: Anhaltende Negativzinsen, neuerliche Anleihekaufprogramme und im Zweifel weitere unkonventionelle Maßnahmen (zum Beispiel Erwerb von Aktien, wie es die japanische Zentralbank schon seit Jahren macht) zur Stützung der Konjunktur und der Aufrechterhalten der Staatsfinanzierung.

Was bedeutet das für Investoren?

  1. Hinsichtlich der Zinsen herrscht nun eine Planbarkeit bzw. Kalkulationsbasis wie selten zuvor: Wir wissen, dass die FED die Leitzinsen im Jahresverlauf sehr wahrscheinlich senken und die EZB die Leitzinsen noch weiter ins Minus drücken wird. Gleichzeitig scheint eine Wiederbelebung des QE-Programms durch die Europäische Zentralbank bevorzustehen.
  2. Aufgrund der Überschuldung vieler Staaten und des Privatsektors in vielen Ländern sind höhere Zinsen auch rein rechnerisch für sehr lange Zeit überhaupt nicht darstellbar, hätte dies doch die sichere Pleite diverser Länder zur Folge. Insofern ist die Strategie der EZB, die nun voraussichtlich unter Lagarde fortgesetzt wird, nachvollziehbar.
  3. Billiges Geld führt früher oder später jedoch unweigerlich zu „Asset Inflation“, also steigenden Aktienkursen, steigenden Immobilienpreisen, höheren Preisen für Kunst, Oldtimer und andere Sachwerte. Daher ist der Ausblick für risikobehaftete Assets grundsätzlich positiv, wenngleich es selbstverständlich weiterhin Schwankungen geben wird.
  4. Zu den risikobehafteten Assets zählen auch Hochzinsfirmenanleihen (High Yield Corporate Bonds). Bei High Yield handelt sich um eines der wenigen Segmente im Rentenmarkt, in dem nach wie vor noch positive Renditeaussichten bestehen. Diese liegen auf Sicht von mehreren Jahren im mittleren einstelligen Prozentbereich jährlich. Daher ist im zweiten Halbjahr 2019 mit Zuflüssen in diese Asset Klasse zu rechnen.

Kolumne von Ottmar Wolf,
Vorstand der FAM Frankfurt Asset Management AG in Frankfurt/ Main