Millennials ohne Weitblick

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Verfehlte Produktpolitik, eklatante Blauäugigkeit bei den Betroffenen, immer mehr Alte mit hoher Lebenserwartung, die Finanzkrise von 2008 mit in der Folge Dauerniedrigzinsen – Zutaten gibt es viele, um die Bundesbürger vor ihrem Alter das Fürchten zu lehren. Das Gebot der Stunde heißt: endlich Aufwachen und die finanzielle Zukunftssicherung als zu bewältigendes biometrisches Risiko erkennen.

Um die finanzielle Zukunft der Deutschen muss einem angst und bange werden. Die traditionelle, klassische und auf festen Garantien fußende Lebensversicherung kollabiert angesichts der Zinssituation am Kapitalmarkt und der demografischen Entwicklung zusehends. Immer mehr Versicherer – zuletzt die Generali – verkaufen ihre Bestände an Finanzinvestoren, das Vertrauen der Kunden wird auf eine harte Probe gestellt. Und wer glaubte, zumindest in der betrieblichen Altersversorgung gehe es zukunftssicher weiter, muss ebenfalls umdenken. Einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen zufolge stehen 45 der insgesamt 137 Pensionskassen derzeit unter enger Kontrolle seitens der Finanzaufsicht – schlimm stehe es um die finanzielle Situation von zehn Kassen. Eine Lappalie ist das nicht, von den Problemen betroffen sind einem Bericht des »Tagesspiegel« zufolge 2,8 Mio. aktuelle und künftige Rentner, bei den zehn besonders gebeutelten Pensionskassen geht es um 300.000 Rentner. Und die Kapitalmarktsituation ist nach wie vor kritisch. Die hohen Aufwände für die Zinszusatzreserve belasten die Versicherer nach wie vor. Mit dieser Reserve soll langfristig die Lücke zwischen den zugesagten Garantien und den real am Markt erzielbaren Zinsen geschlossen werden. Die gesamte Zinszusatzreserve ist alleine 2016 um deutlich über 40 % auf insgesamt über 40 Mrd. Euro gestiegen. Um die entstehenden Aufwände stemmen zu können, realisieren die Gesellschaften Bewertungsreserven und erzielen dadurch eine Nettoverzinsung von durchschnittlich 4,31 %. „Die Zukunft wird zeigen, wer bei anhaltender Niedrigzinsphase die Solvabilitätsanforderungen nachhaltig erfüllen kann“, so Peter Schneider, Geschäftsführer von MORGEN & MORGEN. Immer stärker tritt der Charakter der Altersvorsorge als biometrische Absicherung in den Fokus. Dass die Menschen immer älter werden, ist ein Fakt, und dass immer mehr Lebensjahre natürlich auch immer mehr Geld kosten auch. Dr. Jürgen Bierbaum, Vorstand der ALTE LEIPZIGER Lebensversicherung a. G., sagt denn auch: „Die meisten Menschen unterschätzen ihre Lebenserwartungen.

Oma und Opa sind keine Vorbilder mehr

Statt aktuelle demografische Entwicklungen auf sich zu beziehen, orientieren sich viele am Alter von Eltern oder Großeltern. Aus unserer Sicht wird zu wenig vermittelt, dass alt werden mit hohen und zunächst nicht absehbaren Kosten verbunden sein kann.“ Deshalb habe das Unternehmen vor einiger Zeit die Seite www.lebenslang-geld.de ins Leben gerufen. Hier werde deutlich: Wer älter wird, braucht auch länger Geld.“ Für Marcus Börner, Vorstand der
inpunkto AG, ergibt sich daraus eine direkte Verpflichtung für den Vertrieb im Rahmen der biometrischen Beratung: „Die Berufsunfähigkeitsversicherung ist die Erlebensgarantie, um zur Rente zu gelangen, das heißt diese schließt unmittelbar daran an. Im Bereich der Beratung BU und Rente sollte das steigende Lebensalter immer angesprochen werden – das Langlebigkeitsthema führt dann fast immer zur Rentenversicherung, da diese genau dieses Risiko absichert.“ Doch in der Praxis haperte es selbst in der Versicherungswirtschaft in der Vergangenheit offenbar oft am nötigen Weitblick, wie Christian Schwalb, geschäftsführender Gesellschafter der SCALA & Cie. Holding, berichtet: „Hier wurde von den Versicherern in den vergangenen Jahren ein falscher Fokus gesetzt: Über Jahrzehnte hinweg hat man mit der Rendite geworben und sich somit quasi mit reinen Kapitalanlagen in den Wettbewerb begeben. Der unverwechselbare Vorteil der Absicherung der Langlebigkeit, wurde dabei nicht promotet.“ Eine Rentenversicherung sollte den Grundstein der Altersvorsorge darstellen über eine versicherte garantierte Altersrente.
Tatsächlich muss sich gerade im Hinblick auf die junge Generation etwas tun, bestätigt auch Martin Gräfer, Vorstand der Bayerischen: „Die Produkte müssen flexibel sein und sich an geänderte Lebenssituationen wie die Gründung einer Familie, Eintritt in die Selbstständigkeit oder Erwerb einer Immobilie anpassen. Gleichzeitig muss der Zugang zu Vorsorgeprodukten etwa Online-Abschluss und die Verwaltung (Onlinekonten) erleichtert werden.“
Zumindest eine Bevölkerungsgruppe wird derweil im Rahmen der gesetzlichen Rente krisenfester gemacht. Mit der Mütterrente II, deren Einführung die derzeitige Koalition für kommendes Jahr plant, sollen Mütter ein drittes Jahr Kindererziehungszeit für jedes vor 1992 geborene Kind erhalten, wenn sie mindestens drei Kinder geboren haben. 24 % der heutigen Rentnerinnen würden von dieser Reform profitieren, geht aus einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) hervor. Insgesamt würde das Haushaltsnettoeinkommen der begünstigten Rentnerhaushalte um knapp 4 % steigen. Doch schon sorgen die Rentenpläne der Großen Koalition, etwa das Rentenniveau bei 48 % des Durchschnittsverdiensts bis 2025 zu halten, einen steuerfinanzierten Demokratiefonds aufzubauen, die Mütterrente auszuweiten und die Erwerbsminderungsrente zu erhöhen, für heftigen Widerspruch. Etwa bei BVK-Präsident Michael H. Heinz: „Anstatt das Ergebnis der eingesetzten Rentenkommission abzuwarten und dann auf deren Grundlage solide und zukunftsfeste Beschlüsse zu fassen, werden jetzt disparate Flicken gewebt, die die gesetzliche Rentenversicherung und damit zukünftige Generationen auf Jahre hinaus belasten werden.“ (hwt)