Markteinschätzung der GECAM AG

Daniel Zindstein / Foto: © Zindstein Vermögensverwaltung GmbH

Der Panikmodus an den Märkten ist beendet. Realismus kehrt bezüglich China-Angst, Dominanz der Notenbanken und fallenden Rohstoffpreisen ein. Am Schluss werden die Märkte erkennen, dass Aktien attraktiv sind, sowohl absolut als auch relativ zu Alternativanlagen und trotz der vielen aktuellen Risiken!

Chinas Wirtschaft ist nicht schlecht in das neue Jahr gestartet. Ein Wachstum von 6,7 Prozent ist stark und liegt voll im Zielband der kommunistischen Einheitspartei. Die US-Wirtschaft enttäuscht hingegen sehr. Es wird wohl ein annualisiertes Wachstum, auf Basis der Daten des ersten Quartales, von nur 0,3 bis 0,5 Prozent geben. Das ist schwach, lagen doch die Prognosen für 2016 bei rund 2,5 Prozent. Leider kann man das schwache erste Quartal 2016 nicht, wie in den Vorjahren, auf die extremen Witterungsverhältnisse schieben, welche Aufholeffekte erwarten lassen könnten. Doch was passiert? Während kleinste Verwerfungen der chinesischen Konjunktur im letzten Sommer, wie auch zu Jahresbeginn zu weltweiten Wachstumsängsten führten, Aktienmärkte in die Tiefe rissen und Rohstoffmärkte einbrechen ließen, führt ein deutlich schlechteres Wachstum der weltweit größten Volkswirtschaft (USA) zu steigenden Aktienkursen, steigenden Rohstoffpreisen und insgesamt zu einer Beruhigung an den Börsen. Verkehrte Welt könnte man meinen. Doch wie so oft in unseren Kommentaren diskutiert, unterliegen Finanzmärkte eben anderen Gesetzmäßigkeiten als die Realwirtschaft und nehmen Entwicklungen vorweg. Sie antizipieren die Zukunft. Wenn dann Fakten aus der Vergangenheit auf den Tisch kommen, passt das eben meist nicht zu der aktuellen Börsenlage, welche das schon längst eingepreist hat und nun die erwarteten Entwicklungen in den nächsten sechs bis zwölf Monaten widerspiegelt. Was sind die Fakten und welches Szenario preisen die Börsen aktuell ein? Die fundamentalen Fakten sind aus unserer Sicht weiterhin besser als allgemein dargestellt wird. Chinas Volkswirtschaft unterliegt einem starken Strukturwandel, weg von Schwerindustrie und Werkbank der Welt, hin zu mehr Dienstleistung und mehr Konsum der kaufkräftigeren Bevölkerung. Damit verbunden sind eine stärkere Umweltfokussierung, mehr und bessere Gesundheitsmaßnahmen sowie eine intensivere Digitalisierung. Wie schon oft geschrieben, bedeutet eine solche Wandlung nicht weniger Wachstum. Nur lassen sich die Effekte daraus viel schwerer von der Volkswirtschaftslehre messen und führen zu Verunsicherung, leider auch an den Finanzmärkten. Die USA wachsen zwar robust, haben aber in vielerlei Hinsicht jüngst enttäuscht. Daher nimmt die US-Zentralbank auch weiterhin Abstand von einer Fortsetzung ihrer Zinserhöhungspolitik. Wie die Prognostiker auf eine hohe Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Juni oder September kommen, ist uns ein Rätsel. Wir meinen, die FED fährt auf Sicht. Das heißt geldpolitische Entscheidungen sind sehr stark abhängig von der aktuellen Situation und immer mehr von den globalen Risikofaktoren. Prognosen machen auf dieser Grundlage kaum Sinn. Darüber hinaus hat sich gezeigt, dass der Einfluss der Notenbanken auf die Inflation äußerst begrenzt ist, da hier viel wichtigere Faktoren wie z.B. Rohstoffpreise die Hauptdeterminanten darstellen. Sehr fraglich erscheinen in dieser Hinsicht die langfristigen Inflationsprognosen der EZB für fünf Jahre. In der Rückschau sind diese noch nie eingetroffen und man bekommt den Eindruck, dass die aktuelle Erwartung nur in die Zukunft fortgeschrieben wird. Der Nutzen daraus ist allerdings gleich null. Die Abkehr von konkreten Inflationsprognosen, wie in dieser Woche von der US-FED und der Bank of Japan vollzogen, begrüßen wir vor dem Hintergrund ihrer beschriebenen Sinnfreiheit ausdrücklich. Leider ist der Erkenntnisgewinn der Notenbanken wieder nur aufgrund des Marktdruckes zustande gekommen. Jüngst haben nämlich weder Währungen, noch Anleihemärkte und Aktienmärkte auf Notenbankaktionen mit dem erwarteten pawlow´schen Reflex reagiert. Im Gegenteil: Das wilde Gelddrucken der EZB wurde mit einem in der Tendenz stärkeren Euro und vergleichsweise schwachen europäischen Aktienmärkten sowie mit jüngst leicht steigenden Renditen „bestraft“. Zum Schluss verstehen nun endlich auch die Märkte und die entsprechenden Kommentatoren, dass ein schwacher Ölpreis nicht Ausdruck einer schwächelnden Weltwirtschaft ist, sondern Ergebnis eines gnadenlosen Verdrängungswettbewerbes um zukünftige Marktanteile mit dem Anführer Saudi-Arabien. Davon profitieren drei Viertel der Weltwirtschaft, was in den letzten beiden Jahren von den Märkten komplett ignoriert wurde. Eine Raketenstufe für die Börsen, die durchaus noch zünden kann. Stimmung für Aktien am Boden – das ist gut! Trotz erholter Kurse in Europa und kurz vor dem Allzeithoch stehenden US-Börsen, ist die Stimmung für Aktien nicht besonders gut. Sowohl in Amerika als auch in Europa sind vor allem die institutionellen Anleger skeptisch bezüglich der längerfristigen Börsenentwicklung. Sie sind „gebrannte Kinder“. Wer die letzten 12 Monate live als Akteur am Aktienmarkt zugebracht hat, um Erträge für die anvertrauten Kundengelder zu erwirtschaften, weiß wovon die Rede ist. Hohe Verunsicherung und starke Kursschwankungen über längere Zeit führen zu Zermürbungseffekten. Man traut dem Markt nicht mehr, obwohl man vielleicht, wie wir, zu dem Schluss kommt, dass die Weltwirtschaft gar nicht so schlecht läuft. Und die Risiken lassen sich ja weiterhin sehr exakt benennen, oder? Wachstumsschwäche in den USA, politisches Chaos in Europa (Brexit, Grexit, Flüchtlingsdebatte), Unsicherheit in China, Sanktionen gegen Russland, ratlose Notenbanken, Krieg in Syrien, Wahlen in Spanien, usw. Doch das ist alles nichts Neues und in den Kursen bereits enthalten. Wir wagen die Aussage, dass gerade die genannten potentiellen Risikoherde der Treibsatz für die Börsen sein könnten, um weitaus höhere Kurse zu erzielen. Nämlich dann, wenn sie nicht oder nur in erwartetem Umfang eintreten. Dann sind viele unterdurchschnittlich Investierte gezwungen, steigenden Kursen hinterherzulaufen. Lesen Sie weiter auf Seite 2