Loslassen

Wer trennt sich schon gerne von seinem Maklerbestand – wenn er doch Teil des Lebenswerks ist. An ihm hängen Erinnerungen an die letzten Jahrzehnte wie auch die Bestätigung der eigenen Rolle des ehrbaren Maklers im Auftrag der eigenen Kunden.

Und doch will der Bestandsverkauf von langer Hand vorbereitet sein, möchte man den höchsten Wert erlösen. Prof. Dr. Hans-Wilhelm Zeidler, Experte für Bestandsbewertung, und Rechtsanwalt Jürgen Evers berichten von ihren Erfahrungen der täglichen Praxis.


RA ZeidlerProf. Dr. Hans-Wilhelm Zeidler
„Vielen Maklern, die in absehbarer Zeit in den Ruhestand gehen möchten und die Notwendigkeit des Bestandsverkaufs rational verstanden haben, fällt das Umsetzen der notwendigen Schritte emotional schwer. Entscheidungen werden auf die lange Bank geschoben: kürzlich im Falle eines Maklerbetriebs, dessen Inhaber völlig unerwartet verstarb, nachdem er notwendige Entscheidungen mehrfach aufgeschoben hatte. Nun ist die Witwe hilflos, und die Kinder, die kein Interesse an der Fortführung des Betriebs haben, streiten sich um das Erbe. Der Bestandsverkauf erfolgte unter dem Druck der Umstände wirtschaftlich beinahe als Notverkauf. Ein möglicherweise extremes Beispiel, aber leider aus der Realität gegriffen.“


Rechtsanwalt Jürgen EversRA Evers
„Dass Fälle dieser Art sich auch in unserer Beratungspraxis finden, ist wohl auf die Altersstruktur
der Makler zurückzuführen. Bei allem emotionalen Verständnis für ein immer neues Aufschieben der Vorbereitung des Bestandsverkaufs: Der Makler tut damit weder sich selbst noch seiner Familie einen Gefallen. Der Verkaufswert sinkt bei ungeordneten oder überhasteten Verkauf regelmäßig weit unter den optimal erzielbaren Wert, und im Todesfall des vorherigen Beispiels werden die Verbliebenen in einer schweren Zeit mit kaum lösbaren Problemen belastet.“

Prof. Zeidler
„Welchen Zeithorizont würden Sie für die aus anwaltlich beratender Sicht notwendigen rechtlichen Schritte unbedingt als zeitlichen Vorlauf vorsehen?“

Evers
„Um alle Belange, auch die Bestandsbewertung, so aufzubereiten, dass jede Due Diligence mit Bravour genommen wird, braucht es je nach Situation ein Minimum von drei bis vier Monaten. Erfahrungsgemäß tauchen bei der Aufarbeitung aber nicht selten unvorhergesehene Probleme auf. So kann es sein, dass Immobilien möglichst steuerneutral aus dem Betriebsvermögen des Maklerunternehmens herausgenommen werden müssen oder längerfristige Miet- Pacht- oder Leasingverträge abgewickelt werden müssen; in solchen komplexen Fällen können die Vorbereitungen zum Bestandsverkauf aus rechtlicher Sicht auch ein Jahr oder länger erfordern.“

Prof. Zeidler
„Es scheint, dass für optimalen Bestandsverkauf ein Horizont von mindestens 6 bis 12 Monaten einzuplanen wäre. Noch besser wäre es, einen zusätzlichen Zeitraum von rund einem Jahr einzuplanen, in dem der Bestandsverkauf an den optimalen Käufer zum wirtschaftlich besten Preis vollzogen werden kann. Der ideale Käufer muss ein Interesse an der Region, den Kunden und der Struktur des Bestandes haben. Diese Käufer sind nicht endlos vorhanden.“

Evers
„Absolut. In der Praxis sehen wir immer wieder großen wirtschaftlichen Schaden bei unvorbereiteten Bestandsverkäufen, die desorganisiert ablaufen und für alle Parteien nur zu Ärger führen.“

Printausgabe 01/2016