Lohnen sich deutsche Aktien?

Dr. Thomas Heidel, Leitung Research Fidal AG / Foto: © Fidal AG

Die deutschen Anleger sind für ihre Aktienabstinenz bekannt. Viele Menschen betrachten Aktien als kurzfristige Spekulationspapiere. Es besteht ein hohes Maß an Unsicherheit, ob Aktien sich als langfristige Geldanlage zum Vermögensaufbau oder für die Altersvorsorge eignen.

Laut einer Studie des Deutschen Aktieninstituts halten sich hartnäckig die Vorurteile, dass eine Aktienanlage ausgeprägte wirtschaftliche Kenntnisse voraussetzt, bei kleineren Anlagebeträgen nicht sinnvoll ist, nicht einfach sowie unsicher und riskant ist. Deswegen wenden sich gerade deutsche Anleger liquiden und besonders risikoarmen Anlagen, wie dem Sparbuch oder Einlagen auf Giro-, Tages- oder Festgeldkonten zu. Langfristig wird die Investition in das eigene Heim angestrebt.

Negative Erfahrungen mit dem Neuen Markt

Der Absturz der vielgepriesenen Volksaktie Telekom hat viele Kleinanleger verschreckt. Am 18.11.1996 wurden T-Aktien zu einem Emissionspreis von 28,5 DM (14,57 Euro) an die Börse gebracht. Beim zweiten Börsengang am 28. Juni 1999 betrug der Ausgabepreis schon 39,50 Euro und beim dritten Börsengang am 19. Juni 2000 sogar 66,50 Euro. Nach einem Höchststand im März 2000 von 103,50 Euro stürzte die Telekom-Aktie bis zum Juni 2014 auf ihren historischen Tiefststand von 7,70 Euro. Aktuell notiert das Papier bei rund 14 Euro, ein herber Rückschlag für die Altaktionäre der Zweit- und Drittemissionen. Da nützen auch die hohen Dividenden nichts, die bis auf die Krisenjahre 2003/2004 ausgeschüttet wurden, immerhin in der Summe 12,44 Euro.

Auch der heftige lange Rückgang der Kurse am Neuen Markt von März 2000 bis März 2003 hat die Anleger demotiviert. Der DAX, die 1. Liga deutscher renommierter Großunternehmen, verlor im Zuge des Platzens der Internetblase bis Ende März 2003 über die Hälfte seines Wertes. Auch die Folgen der Finanzkrise 2008 haben das Aktienvermögen der deutschen Bundesbürger in kurzer Zeit sehr deutlich dezimiert.

Mögliche Gefahren für die Aktienanlage

Die Deutschen würden gern an den langfristig überlegenen Renditen von Aktien teilhaben, scheuen aber das kurz- und mittelfristig hohe Risiko. Mögliche Gründe für Kursabschwünge lassen sich bei Aktienpapieren jederzeit finden. Momentan sind es speziell für den deutschen Markt die potenziell gefährlichen Auswirkungen des Handelsstreits zwischen den USA, der EU und China, der ungelöste Brexit-Deal, mögliche Probleme für die Eurozone durch die neue populistische Regierung in Italien, wie auch negative Auswirkungen der andauernden Dieselaffäre.

Manche Marktteilnehmer sehen sogar durch den starken US-Dollar und die anziehenden Zinsen in den USA Rezessionsgefahren für die Weltwirtschaft in den kommenden Jahren. Dauerthemen sind auch die hohen Bewertungen für US-Aktien und die starke Verschuldung der chinesischen Wirtschaft.

Dividenden-Wiederanlage machen DAX-Erfolg aus

Der DAX hat sich seit dem Start Ende 1987 bei einem Indexstand von 1 000 bis zu seinem aktuellen Wert von rund 12 364 Punkten mehr als verzwölffacht. In den letzten 30 Jahren hat sich der üblicherweise als Performance-Index betrachtete DAX mit einer durchschnittlichen jährlichen Rendite von 8,2 Prozent entwickelt. Der DAX-Kursindex, der keine Wiederanlage der ausgeschütteten Dividenden beinhaltet, hat mit einem aktuellen Stand von 5 695 Punkten noch nicht einmal die Hälfte der Wertentwicklung des DAX erzielt.

Schaut man auf die kurzfristigen Schwankungen des DAX, so stellt man starke Ausschläge in der jährlichen Performance fest, die in der Spitze zwischen einem Plus von 75 Prozent und einem Minus von 55 Prozent lagen. In den letzten Jahren hat die Volatilität der Jahresrenditen etwas abgenommen. Betrachtet man längere Anlagezeiträume erkennt man, dass die durchschnittlichen Renditeschwankungen mit zunehmender Periodenlänge abnehmen. Ab einem Anlagezeitraum von 13 Jahren war ein Anleger zu keinem Zeitpunkt im Minus. Daher sollte man Aktienanlagen immer unter dem langfristig (positiven) Aspekt sehen.

Diversifikation als Schlüssel zum Erfolg

Deutsche Anleger pflegen den „home bias“, was bedeutet, dass ein sehr großer Teil ihres Geldes in Deutschland angelegt wird. Laut der Vermögensstatistik der Deutschen Bundesbank haben die Deutschen knapp 70 Prozent ihres Aktienvermögens in ihrer Heimat angelegt. Eine Auswertung der Consorsbank zeigte, dass sich in den Kundendepots unter den zehn beliebtesten Aktien ausschließlich deutsche Konzerne befinden. Zum Ausgleich könnte man argumentieren, dass heutzutage die DAX-Konzerne rund drei Viertel ihrer Erlöse im Ausland erzielen.

Allerdings spielen deutsche Konzerne in Schlüsselbranchen wie Technologie global kaum eine Rolle. Durch die Unsicherheit über die Geld-, Fiskalpolitik und Konjunkturentwicklung ist eine Präferenz für ein bekanntes Umfeld im Heimatland verständlich. Aber das bedeutet auf der anderen Seite auch einen Verzicht auf die Chancen von überproportionalen Wachstumschancen auf ausländischen Kapitalmärkten.

Kolumne von Dr. Thomas Heidel,
Leitung Research FIDAL AG in Frankfurt/ Main