Laubach stellt sich genossenschaftlich der Wohnungsnot

© RRA fotolia.com In Laubach wird die Wohnungsnot genossenschaftlich angegangen

Am 4. Oktober fand im hessischen Laubach der erste Informationsabend für ein ungewöhnliches und einzigartiges Projekt statt. Bei diesem wollen die Gemeindemitglieder ihre Wohnrauminteressen genossenschaftlich bündeln.

Im Sitzungsaal des Laubacher Rathauses wurde am Abend des 4. Oktober das sans souci – solidar – projekt vorgestellt. Dabei wollen die Laubacher unter Einbindung namhafter Marktteilnehmer die Erwartung nach bezahlbarem Wohnraum in die eigene Hand nehmen. Getragen von Gemeindemitgliedern, die ihre Interessen in Genossenschaften bündeln.

Die Informationsveranstaltung stand unter dem Motto “Aus der Region – für die Region”. Zu Beginn fand der Laubacher Bürgermeister Peter Klug deutliche Worte: „Wir brauchen Ihre Unterstützung, denn die Entwicklung der letzten Jahrzehnte hat zu nachhaltigen Veränderungen geführt. Wir müssen unsere Autonomie zurückgewinnen, was dann auch heißt, die Finanzierung von bezahlbarem Wohnraum zu ermöglichen.“ Letzteres steht auch bei der Landrätin des Landkreises Gießen, Frau Anita Schneider, ganz oben auf der Agenda. In ihrem Grußwort mahnt sie: „Gutes und bezahlbares Wohnen darf kein Luxus sein, weder auf dem Land noch in der Stadt. Daher sehe ich es als eine wesentliche Aufgabe an, für eine Wiederbelebung des sozialen Wohnungsbaues zu sorgen und offen für neue Wohnkonzepte zu sein.“ Für seine Einschätzung, dass es sinnvoll und zielführend sei, regionale Genossenschaften zu gründen um dieses Ziel zu erreichen, erhielten Klug und die anderen Referenten an diesem Abend viel Beifall. Dr. Heinz-Otto Irmler von der Constans Capital AG erläuterte am Beispiel des sans souci – solidar – projektes warum dadurch generell Bedürfnisse von Gemeinden  – und zwar unabhängig von den Kapitalmärkten – befriedigt werden können. Dieses Projekt wird von den Referenten und den dahinterstehenden Unternehmen gemeinschaftlich getragen. Dass sich Genossenschaften durch solidarisches Handeln im Gegensatz zum rein profitorientierten Ansatz für Lösungen gemeinschaftlicher Aufgaben besonders anbieten, erläuterten im Anschluss Sylvia Bodlée und Jonas Bender von der R&V Versicherung. Die R&V ist dabei nicht nur ein Versicherungsunternehmen, dessen Wurzeln auf den bekannten Genossenschaftsgründer Friedrich Wilhelm Raiffeisen (1818 – 1888) zurückreichen, das Unternehmen konzentriert zudem auf die Beratung von Genossenschaften in Versicherungsfragen und ist hierin ein kompetenter Ansprechpartner. Günther Riedl von der Volksbank Mittelhessen brachte im Anschluss einen wichtigen Aspekt auf den Punkt: Die Zeit sei reif, zusätzliche Alternativen zur klassischen Bankfinanzierung zu suchen. An diesem Punkt wurde klar, wie die Vorträge des Abends ineinander wirkten: Die Baufinanzierung habe sich in den letzten Jahren stark gewandelt und seit der Einführung der Wohnimmobilienkreditrichtlinie geradezu entscheidend verändert. Diese veränderten Voraussetzungen würden auch dazu führen, dass weiteren Zielgruppen wie jüngeren oder älteren Menschen der Zugang zu eigenem Immobilienvermögen zunehmend schwerer gemacht würde. Auch er prophezeite dem genossenschaftlichen Ansatz eine gute Perspektive. Dass zum Thema Standortentwicklung allerdings noch mehr gehört, als „nur“ Wohnraum zu schaffen wurde im folgenden Beitrag von Constantin Feistkorn (Opel/CarUnity) deutlich. Er stellte vor, wie stadtferne Gemeinden durch neue Verkehrsnutzungskonzepte attraktiver und lukrativer werden. Schon heute könnten sich viele Menschen kein eigenes Auto mehr leisten, viele Car-Sharing-Modelle würden dabei aber nur in Städten wirklich funktionieren. CarUnity setzt daher auf ein breites Angebot von privaten PKW, die vermietet werden. Hierdurch soll die Auslastung erhöht und eine breitere Verkehrsabdeckung erreicht werden. „Es geht nicht mehr weiter wie früher“, mit dieser deutlichen Betonung setzte Jens Meier von den WKZ Wohnkompetenzzentren schließlich an den vorherigen Vorträgen an. Schon vor Jahren sei ihm deutlich geworden, dass man raus aus den „üblichen Systemen“ und auf der Basis von guten Erfahrungen Neues gestalten müsse. Nicht fehlendes Vermögen sei das Problem der Zukunft, sondern fehlende Liquidität. Es sei nicht mehr die Antwort, Immobilien zu besitzen, sondern über sie verfügen zu können. Genossenschaftsmodelle hätten dabei schon in der Vergangenheit gute Dienste geleistet. Provokativ hob Meier hervor, mit der er sichtlich aneckte: „Sie dürfen im Alter niemals Eigentümer einer Immobilie sein!“ Eine Behauptung, die zum Nachdenken und Hinterfragen anregen sollte und die er mit vielen Argumenten untermauerte. Womit ein Übergang zum nachfolgenden Referenten, Ralf W. Barth geschaffen war. Er wollte ebenfalls anregen, nachzudenken. Barth arbeitete heraus, dass viele Unternehmer mögliche Haftungsfallen nicht einmal erahnen. In einer Art Frühwarnsystem identifiziert sein Unternehmen CONAV Consulting daher mögliche Schwachstellen und bietet – gemeinsam mit Partnern – Lösungsansätze an. Und was nehmen die Bürger von Laubach hiervon mit? Peter Klug, der Bürgermeister von Laubach brachte es in seinen Schlussworten auf den Punkt: „Lassen Sie uns etwas Großes beginnen, gestalten Sie mit! Stellen Sie Ihre Fragen und Wünsche an uns und wer mitmachen möchte, gern. Die Idee ist, aus der Region für die Region einen Mehrwert zu schaffen.“ Wer fühlt sich da nicht angesprochen? (ah)

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