Lassen Sie sich nicht von der IPO-Story blenden!

Gottfried Urban, Vorstand der Bayerische Vermögen AG / Foto: © Bayerische Vermögen AG

Eine neue Welle von Börsengängen rollt. Scheinbar wächst die Angst der Unternehmen, den besten Zeitpunkt zu verpassen, sprich: den höchsten Emissionserlös. Doch die meisten Kandidaten sind noch gar nicht profitabel, und bei so einigen bestehen berechtigte Zweifel, ob sie jemals schwarze Zahlen schreiben werden. Anleger sollte deshalb gründlich prüfen, was Ihnen da angeboten wird – und ob es nicht sinnvoller ist, zu einem späteren Zeitpunkt zuzugreifen.

Viele Leser dieser Kolumne dürften sich noch an die Jahrtausendwende erinnern. Damals zeichneten Anleger im allgemeinen Aktienrausch, ohne das Geschäftsmodell zu kennen oder Kennzahlen zu beachten. Die Nachfrage überstieg das Angebot um ein Vielfaches.

In den USA wagen nun wieder mehrere Firmen den Gang an die Börse. Anders als im Internethype um das Jahr 2000 sind es aktuell meist keine kleinen Firmen mehr. Aktuell zählt die Digitalisierungsstory, vor zwei Jahren waren es die Kryptowährungen und vor kurzem Cannabis-Aktienunternehmen, die Anleger begeisterten und begeistern.

Tech-Trend Digitalisierung

Die neue Generation der US-amerikanischen Tech-Giganten, die an die Börse gehen, sind in aller Munde – aber leider meist unprofitabel. Lyft, Uber oder Pinterest haben die Börsenplatzierung hinter sich. Lyft und Uber sollen die Mobilität in der Stadt revolutionieren, Fotoplattformen wie Pinterest sind die neuen digitalen Lifestyle-Unternehmen. Alle sind von der Digitalisierung der Industrie und des Konsumverhaltens überzeugt. Die Story stimmt. Dennoch verliert Lyft seit der Erstnotiz Ende März fast die Hälfte seines Wertes. Auch Uber kann die Kurse vom ersten Tag nicht halten, verlor innerhalb der ersten Tage schon zwölf Prozent.

Es gibt viele Unsicherheitsfaktoren über die künftige Entwicklung. Etablierte Firmen, wie zum Beispiel Stadtverkehrsgesellschaften werden versuchen das Geschäftsmodell zu kopieren (zum Beispiel MVG IsarTiger in München) und stellen damit vielleicht eine Konkurrenz zu solchen digitalen Mobilitätsmanagern dar.

Nur keine Eile!

Auch wenn die Geschäftsmodelle nachvollziehbar sind, muss letztendlich der Investor selbst entscheiden, ob er für Unternehmen, die im Moment noch unprofitabel sind, soviel Geld hinlegt. Wie bei jedem Aktienkauf sind auch bei einem IPO Kennzahlen, Geschäftsmodell und die Motivation des Börsenganges zu analysieren. Warum behält der Alteigentümer die Anteile nicht, warum finanziert die Firma die Expansion nicht über einen günstigen Kredit? Gibt es schon etablierte Firmen im gleichen Geschäftsfeld?

Nicht von der Story blenden lassen! Und nur keine Eile: Facebook oder Alibaba waren besonders erfolgreiche Neuemissionen. Wer als Privatanleger bei der Zeichnung nicht zum Zug kam, der konnte die Aktie aber einige Monate später zu Preisen deutlich unter der Erstnotiz kaufen.

Manch ein Investor hat sich diesbezüglich diszipliniert und erwirbt nur Unternehmen, die mindestens schon fünf Jahre an der Börse gelistet sind. Multimilliardär Warren Buffett hat in 54 Jahren seiner Tätigkeit noch nie ein IPO gekauft. Seine Begründung: „Die Idee, dass die beste Investitions-Möglichkeit dort zu finden sein soll, wo sich der gesamte Verkaufsdruck konzentriert, Kommissionen gezahlt werden und die Gemüter hochkochen, macht keinen Sinn.“

Kolumne von Gottfried Urban,
Vorstand der Bayerische Vermögen AG, München