Lagarde und der Käserinde-Test

Markus Richert, CFP® und Seniorberater Vermögensverwaltung bei der Portfolio Concept Vermögensmanagement GmbH in Köln / Foto: © Portfolio Concept

Zu Beginn der Finanzkrise 2008 appellierte die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel an die Weisheit der schwäbischen Hausfrau. Man darf nicht auf Dauer über seine Verhältnisse leben, lautete der Tenor an vielen Stammtischen. Im Blick hatte man dabei die südeuropäischen Nachbarstaaten. Nun ist Angela Merkel promovierte Physikerin und keine Volkswirtin. Aus wahlkampfstrategischer Sicht war dieser Vergleich genial. In der klassischen Wählerschicht der Unionsparteien mit Reihenhaus und Gartenzwerg fiel dieser Vergleich auf fruchtbaren Boden. Mit volkswirtschaftlichem Sachverstand hatte er allerdings wenig gemein.

Eine lockere Geldpolitik ist gerechtfertigt

Angeblich wurden früher Schwäbinnen im heiratsfähigen Alter von ihren potentiellen Schwiegermüttern mit der Käserinde getestet. Wenn das Mädchen den Käse samt Rinde aß, war sie als Braut zu unfein. Wenn sie die Rinde abschnitt, galt sie als zu verschwenderisch. Zur richtigen schwäbischen Hausfrau war nur das Mädchen geeignet, das die Rinde ganz vorsichtig vom Käse abschabte. Glücklicherweise greift der Europäische Rat nicht auf solche Testmethoden zurück, wenn er den Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) auswählt. Denn eines ist sicher, die designierte neue Präsidentin Christine Lagarde hätte die Rinde großzügig abgeschnitten. Beobachter gehen davon aus, dass sie die lockere Geldpolitik ihres Vorgängers beibehalten wird.

Der Rentenmarkt reagierte sofort auf die Nominierung der 63-jährigen Französin. Die Rendite der deutschen Staatsanleihen ist auf ein bis jetzt historisch einmaliges Tief gefallen. Investoren haben sich sofort mit deutschen Staatsanleihen eingedeckt und so deren Kurs steigen lassen. Spiegelbildlich ist dabei die Rendite der Bonds gesunken. Wer jetzt Bundesanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren kauft, bekommt dafür eine negative Rendite von rund minus 0,40 Prozent – pro Jahr. Noch bescheidener fällt das Geschäft bei kürzeren Laufzeiten aus. Einjährige Bundesanleihen rentieren derzeit bei minus 0,80 Prozent. Das heißt, wer heute 10.000 Euro in solche Papiere investiert, bekommt in einem Jahr bei Fälligkeit 9.920 Euro zurück. Dabei ist die Inflation noch nicht einmal berücksichtigt. Erst ab einer Laufzeit von zwanzig Jahren dreht die Rendite der Bundesanleihen minimal in den positiven Bereich. Für Zinssparer werden die Zeiten nicht einfacher. An dieser Stelle sollte man sich noch einmal vergegenwärtigen, dass ein 20 Jahre laufender Sparplan auf den Deutschen Aktienindex im ungünstigsten Fall eine jährliche Rendite von 4,7 Prozent erbrachte.

Die Zinsen bleiben auf lange Zeit niedrig

Mit dieser Nominierung sollte jedem klar sein, die Zinsen bleiben niedrig und werden vermutlich nie mehr nennenswert ansteigen. Zumindest so lange nicht wie es den Euro gibt. Eine Rückabwicklung des Euros und die Rückkehr zu Nationalwährungen ist allerdings derzeit illusorisch und würde vermutlich zum Zusammenbruch des Euroraums führen. Je länger jedoch die lockere Geldpolitik vorherrscht, desto schwieriger wird eine Erhöhung der Zinsen durch die Notenbank. Denn die Schuldentürme fast aller europäischen Staaten wachsen mit jedem Jahr munter weiter. Selbst die wirtschaftlich starke Bundesrepublik Deutschland wird ihre derzeitige Politik der schwarzen Null nicht ewig durchhalten. Spätestens bei einer stärkeren wirtschaftlichen Eintrübung wird sich auch Deutschland wieder stärker verschulden müssen. Für viele Ökonomen ist der point-of-no-return bei der Zinspolitik schon länger überschritten.

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