Kurspotenzial durch sinkende Risikoaufschläge

Vier Prozent Rendite plus positive Aussichten auf zusätzliche Kursgewinne durch sinkende Risikoaufschläge – europäische Finanzanleihen liefern überzeugende Argumente für Rentenanlagen.

Maßgeblich dafür sind umfassende Regulierungsmaßnahmen, die Risiken der Geschäftsmodelle von Banken und Versicherern senken. Nachrangige Anleihen von solide ausgestatteten Emittenten bieten besonders attraktive Chancen für Investoren, meint Julien de Saussure, Fondsmanager des auf Finanzanleihen spezialisierten Edmond de Rothschild Signatures Financial Bonds. Der Fonds hat zuletzt – trotz hoher Marktvolatilität am Ende des Sommers 2015 – die Schwelle von einer Milliarde Euro an verwaltetem Vermögen überschritten.

Europäische Finanzleihen zählen zu den wenigen Segmenten im Anleihebereich, die im aktuellen Niedrigzinsumfeld attraktive Renditen bieten. Diese speziellen Unternehmensanleihen, die von Finanzinstituten begeben werden, profitieren von den umfassenden Regulierungsmaßnahmen: Den Banken werden die verschärften Regeln nach Basel III auferlegt, das Solvency-II-Regelwerk erhöht die Anforderungen an Versicherungsgesellschaften. „Dieser mehrjährige Anpassungsprozess wird die Risiken der Geschäftsmodelle der großen Banken und Versicherer merklich reduzieren“, sagt Julien de Saussure.

2015 war ein volatiles und kompliziertes Jahr für die meisten Anleihesegmente. Auch Finanzanleihen konnten sich den Turbulenzen an den weltweiten Kapitalmärkten nicht vollkommen entziehen. „Die Diskussion um Griechenland im Frühjahr haben der Anlageklasse allerdings deutlich mehr zugesetzt als die jüngsten Turbulenzen, bei denen es sich vor allem um schwächeres globales Wirtschaftswachstum sowie fallende Ölpreise drehte“, erklärt de Saussure.

Risikoaufschlag als Puffer gegen allmählich steigende US-Zinsen

Der Anleihe-Experte aus dem Hause Edmond de Rothschild Asset Management (France) geht davon aus, dass ein Anstieg der US-Zinsen weitere Unruhen an den Rentenmärkten auslösen könnte. Europäischen Finanzanleihen hingegen dürfte eine Zinsanhebung durch die US-Notenbank Fed jedoch kaum etwas anhaben. „Zunächst einmal sind Finanzanleihen festverzinsliche Instrumente, die tendenziell negativ auf steigende Zinsen reagieren. Aus fundamentaler Sicht hingegen sind Banken und Versicherungen die großen Profiteure von höheren Zinsen. Bonds mit hohem Risikoaufschlag stellen somit eine zuverlässige Absicherung gegen langsam steigende Zinsen dar, zumal die Fed bei den Zinsanhebungen sehr behutsam vorgehen dürfte“, prognostiziert Saussure.

Für den Rest des Jahres ist der Fondsmanager positiv gestimmt und auch 2016 blickt er zuversichtlich entgegen: „Die Bewertungen der Anleihen sind trotz der Rally, die Anfang Oktober einsetzte, immer noch auf einem attraktiven Niveau.“ Im Fondsportfolio liegt die durchschnittliche Rendite der Rentenpapiere bei etwas über vier Prozent. Zusätzlich sieht de Saussure Einengungspotenzial bei den Risikoaufschlägen, was zu zusätzlichen Kursgewinnen führen könnte.

Verlockende Anlagemöglichkeiten in der Schweiz

Zu den Favoriten des Fondsmanagers gehören nachrangige Anleihen. Idealerweise dominiert nicht der zugrundeliegende Zins die Rendite der Anleihen, sondern der Risikoaufschlag (Credit Spread). Dieser Aufschlag sollte dabei insbesondere das Risiko für die Komplexität der Anleihe und ihren Nachrangcharakter kompensieren und weniger für ein Bonitätsrisiko des Emittenten herhalten. Dieser sollte vielmehr in der Lage sein, aus eigener Kraft genügend Mittel aufzubringen, um die künftigen Eigenkapitalanforderungen zu erfüllen, die sich aus der Regulierung ergeben.

Der Spezialist für Finanzanleihen sieht zurzeit Potential bei Schweizer Banken: „Erst kürzlich haben die Schweizer die Vorschriften für systemrelevante Banken verschärft und stärker an internationale Standards angepasst. Daraus entstehen verlockende Anlagemöglichkeiten in der Region“.

Julien de Saussure kommt zum Ergebnis, dass der Versicherungssektor die Finanzkrise im Schnitt besser überstanden hat als der Bankensektor. Allerdings scheint der regulatorische Anpassungsprozess im Bankensektor weiter fortgeschritten, da Solvency II für die Versicherung erst Anfang 2016 in Kraft treten soll. Über das Jahr hat der Fondsmanager den Anteil von Versicherungsanleihen in seinem Portfolio reduziert. Nun sieht er dort wieder attraktive Bewertungen. Die negativen Meldungen zu Versicherungen, die mit dem Niedrigzinsumfeld zu kämpfen haben, sollten keine besondere Bedrohung für die größeren und sichereren Anleiheemittenten aus dem Sektor darstellen. Die Gefahr ist größer für kleinere Unternehmen. Solvency II dürfte eine Übernahmewelle in vielen Ländern auslösen.

Alte Tier-1-Anleihen bieten Schutz gegen mögliche Liquiditätsengpässe

Seit der Finanzkrise ist die Liquidität in den Kreditmärkten gesunken, da viele Banken ihre Handelsbestände deutlich heruntergefahren haben. Im Vergleich dazu ist im Bereich der nachrangigen Bankanleihen die Liquidität relativ zufriedenstellend, da Banken weiterhin einen wesentlichen Teil ihrer Risikobudgets in diesem Segment allokieren. Zudem gibt es eine größere und reifere Investorenbasis für Contingent Convertibles, kurz CoCos, was die Liquidität der Anlageklasse unterstützen dürfte.

„CoCos haben im Rahmen von Basel III an Bedeutung gewonnen. Mit der Emission von Additional Tier-1 CoCos verschaffen sich Banken zusätzliches Kernkapital. Diese Papiere ersetzen die alten nachrangigen Tier-1-Anleihen, die nach dem Basel-III-Regelwerk nicht mehr begeben werden dürfen. Die Emittenten haben aufgrund der neuen Vorschriften ein wirtschaftliches Interesse daran, die Altpapiere nach und nach zurückzurufen. Das Gesamtvolumen des Markts ändert sich jedoch kaum, da neue Anleihen die alten ersetzen“, so der Rentenexperte.