Korrektur oder Börsencrash?

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Wolfgang Juds

Als der DAX am 3. Juli 2014 mit 10.029 Punkten seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht hatte, schien die Börsenwelt noch in Ordnung zu sein. Doch nur einen Monat später hat der DAX 850 Punkte verloren und die Börse ist im Krisenmodus. Was sind die Gründe und wie könnte es weitergehen? finanzwelt sprach mit Wolfgang Juds von der CREDO Vermögensmanagement GmbH.

(fw/ah) Noch vor vier Wochen sah es so aus, als wenn es für den DAX nur eine Richtung gibt – und die zeigte steil nach oben. Die Experten waren überwiegend der Ansicht, dass es mit den Aktien weiter aufwärts gehen müsste. Als wesentliche Gründe wurden die zunehmend verbesserte Konjunkturlage und steigende Unternehmensgewinne angeführt. Vor allem in den USA wächst die Wirtschaft deutlich und die Frühindikatoren stimmten die Analysten optimistisch. Auch der Arbeitsmarkt, der viel Beachtung findet, entwickelt sich positiv. Die Arbeitslosenquote liegt in den USA inzwischen nur noch bei 6,1 %.

In der Eurozone sieht es nicht ganz so positiv aus. Deutschland als Konjunkturlokomotive dürfte in diesem Jahr um etwa 1,8 % wachsen. Für 2015 sieht es sogar noch etwas besser aus, allerdings nehmen die Unsicherheiten zu, ob es aufgrund der geopolitischen Krisen in der Welt nicht doch noch zu einem Einbruch oder zumindest zu einer Korrektur kommt. Für die übrige Eurozone liegt das Wachstum 2014 im Schnitt etwa bei 1 % – zu wenig, um erfolgreich aus der Krise zu kommen. Immerhin – in Portugal und Spanien zeigen die Strukturreformen erste Erfolge. Die Arbeitslosigkeit geht zurück und die Wirtschaft hat sich stabilisiert. In anderen Ländern wie Frankreich und Italien besteht noch erheblicher Handlungsbedarf, erfolgreiche Strukturreformen und mehr Flexibilität zu erreichen.

In den letzten Wochen sind die fundamentalen Probleme in den Hintergrund getreten. Die geopolitischen Krisen in Russland und der Ukraine, in Israel und im Gazastreifen sowie in Syrien und im Irak sowie die Situation in Argentinien bestimmen die Nachrichtenlage. Vor ein paar Monaten schien es, als hätten diese regionalen Konflikte kaum Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Inzwischen ist die Krise mit Russland aber auch in Deutschland angekommen. Die wirtschaftlichen Sanktionen treffen vor allem die mittelständische Wirtschaft, die seit Jahrzehnten erfolgreiche Handelsbeziehungen zu Russland unterhalten. Aber auch Russland kann uns schaden. Der Gaspreis kann im Herbst steigen und hätte somit unmittelbare Auswirkungen auf unsere Wirtschaft.

In diesem unsicheren Umfeld werden Investitionen erst einmal zurück gestellt. Allerdings ist zu erwarten, dass die Vernunft die Oberhand gewinnt. Niemand kann ein Interesse daran haben, dass die Lage in der Ukraine weiter eskaliert. Die Politik arbeitet sicherlich an einer diplomatischen Lösung, die es allen Beteiligten ermöglicht, gesichtswahrend aus dem Konflikt heraus zu kommen. Es bleibt zu hoffen, dass es sich bei der aktuellen Marktentwicklung um eine gesunde Korrektur handelt und nicht um einen neuen Abwärtstrend. Langfristig wird sich der Aktienmarkt an den fundamentalen Unternehmensdaten orientieren. Da mag es durchaus zu Enttäuschungen kommen, wie das Beispiel Adidas zeigt. Die Aktie hat trotz Fußball-Weltmeisterschaft etwa 35 % von seinem Hoch verloren, weil das Unternehmen die hoch gesteckten Erwartungen verfehlt hat. Aber es gibt auch positive Beispiele: SAP, Bayer und die Autobauer überzeugen mit guten Ergebnissen. Es bleibt zu hoffen, dass die Märkte lediglich korrigieren und ihre bereits überfällige Überbewertung abbauen. Das ist gesund und kann später neue günstige Einstiegsmöglichkeiten für die Investoren bieten. Aber zunächst sollte sich eine Bodenbildung herausbilden und sich eine Lösung im Konflikt mit Russland und der Ukraine abzeichnen. Bis dahin ist Liquiditätshaltung keine schlechte Anlage!

(Das Hintergrundgespräch führte Alexander Heftrich)