“KI ist ein Meilenstein für die Branche”

finanzwelt: In den letzten zehn Jahren ist es zu einer explosionsartigen Zunahme der Daten gekommen, und FS-Anbieter haben Zugang zu mehr Daten, als sie auswerten können. Welchen Nutzen bieten Augmented Intelligence-Plattformen hier?

Lösungen für Augmented Intelligence sind nicht über Nacht einsatzfähig. Sie erfordern eine sorgfältige Einrichtung und einen zuverlässigen Betrieb, um eine maximale Wirkung zu erzielen. Dazu müssen Unternehmen zunächst eine klassische Make-versus-Buy-Entscheidung treffen. Für den Make-Ansatz sind auf dem Markt eine Reihe von oft quelloffenen Frameworks und Toolkits verfügbar. Allerdings erfordert dieser Ansatz einen erheblichen Aufwand für die Bereitstellung und Wartung eines solchen Dienstes: IT-Infrastruktur, Data Scientists, komplexe Bereitstellungs- und Betriebsabläufe.

Eine Alternative dazu ist eine skalierbare Augmented-Intelligence-as-a-Service-Lösung. Anwender auf allen Ebenen eines Unternehmens können damit auch unter Zeitdruck besser fundierte Entscheidungen – unterstützt durch KI-Empfehlungen – treffen. Besonders effizient ist erweiterte Intelligenz dann, wenn sie rollenspezifische Empfehlungen liefert. Das Kernstück der erweiterten Intelligenz ist kontinuierliches Lernen. Da täglich mehr Daten durch maschinelle Lernalgorithmen verarbeitet werden, verbessert sich auch die Güte der Empfehlungen einer KI-Komponente.

finanzwelt: Wie werden diese „neuen“ Technologien in der Finanzbranche angenommen?

Dorian Selz: Das Thema befindet sich noch in der Frühphase. Die großen Institute in Europa und den USA haben in den vergangenen drei, vier Jahren Experten eingestellt und tüfteln an verschiedenen Lösungen, alle im Pilotstadium. Das ist die eine Strategie. Daneben gibt es ein Wettrennen von Unternehmen wie dem unsrigen darum, wer eine vernünftige Plattform baut. KI schwappt gerade auf die Breite über, viele Banken führen eigene kleine Tests durch. Bis KI komplett in der Breite ankommt, wird es schätzungsweise noch ein, zwei oder drei Jahre dauern.

finanzwelt: Welche Rolle spielen sogenannte „Citizen Data Scientists“ und wie können Unternehmen diese unterstützen?

Dorian Selz: Ein Flaschenhals in der Umsetzung von Augmented Intelligence Systemen ist die mangelnde Verfügbarkeit von ausgebildeten Data Scientists. Das hat viel damit zu tun, dass viele Lösungen heute noch sehr Technikgetrieben sind. So wie damals, als Computer noch textbasierte User Interfaces hatten. Windows hat das geändert und Computer für jedermann nützlich gemacht.

Gleich verhält es sich mit KI und Augmented Intelligence Plattformen. Die meisten sind heute für Endanwender sehr kompliziert. Die ersten Plattformen, wie die unsrige, haben konsequent die „Windows-Idee“ ins Zentrum gestellt. Der sogenannte Citizen Data Scientist, eine interessierte aber nicht notwendigerweise als Computerspezialist ausgebildete Person, kann selbst eigene Augmented Intelligence Applikationen zusammenstellen: Sie nimmt Daten, wendet vorkonfigurierte KI-Modelle an, und kann direkt ein User Interface zusammenklicken, dass im Geschäftsalltag direkt eingesetzt werden kann.

finanzwelt: Ein Blick in die Zukunft – welche Möglichkeiten halten die aktuellen Entwicklungen noch für die Finanzbranche bereit?

Dorian Selz: Unternehmen befinden sich bezüglich KI & Augmented Intelligence heute an einem Meilenstein, vergleichbar mit umwälzenden Technologien, die im letzten Jahrhundert die Wirtschaft und Gesellschaft revolutioniert haben. Finanzdienstleister sollten sich daher mit den variationsreichen Anwendungsszenarien der künstlichen Intelligenz beschäftigen, testen und praktische Erfahrungen sammeln, um das damit verbundene Innovationspotenzial optimal erschließen zu können.