Keine US-Zinserhöhung mehr in diesem Konjunkturzyklus

Für die Kapitalmärkte ist der 21. September der geldpolitische Tag der Wahrheit: Mit der US-amerikanischen Federal Reserve (Fed) und der Bank of Japan finden gleich zwei wichtige Leitzinsentscheidungen statt. Vor allem die Sitzung der Washingtoner Währungshüter wird mit Spannung erwartet. Der Grund: Janet Yellen, die Präsidentin der Fed, und ihr Vize Stanley Fischer haben mit ihren Kommentaren auf dem Notenbank-Treffen in Jackson Hole die Spekulationen um eine Leitzinsanhebung in den USA befeuert. Seitdem sind die an der Börse eingepreisten Wahrscheinlichkeiten für Zinsschritte im September und Dezember in die Höhe geschossen. Das Ausbleiben neuer geldpolitischer Lockerungsbeschlüsse auf der September-Sitzung der Europäischen Zentralbank hat den Anstieg der Renditen für sichere Staatsanleihen noch verstärkt. Insgesamt glaubt der Markt derzeit, dass die Falken wieder die Oberhand bei der Fed bekommen. Aber damit liegt er falsch.

US-Zinswende: Vorbei, bevor sie richtig angefangen hat

Das Zeitfenster für weitere Zinserhöhungen schließt sich. Handfeste ökonomische Gründe für eine Straffung der Geldpolitik gab es in den USA ohnehin nie. Zu gering war der Preisdruck, zu moderat das Wachstum, als dass es einen nachhaltigen Zinserhöhungspfad gerechtfertigt hätte. Zwar waren die Daten gut genug, um einen einzelnen Zinsschritt im Dezember 2015 zu rechtfertigen – aber eben auch nicht mehr. Aktuell nehmen die Fragezeichen auf der Wachstumsseite sogar eher zu. grafik_us-leitzins Der US-Konjunkturzyklus befindet sich bereits seit geraumer Zeit in einer reifen Phase: Neben einer Straffung der Refinanzierungsbedingungen für Unternehmen durch die Banken ist vor allem die Erosion der Profitabilität von „Corporate America“ und die schwache Investitionsneigung für die dunklen Wolken am US-amerikanischen Konjunkturhimmel verantwortlich. Wir gehen davon aus, dass sich diese Warnsignale in den nächsten Wochen und Monaten verstärkt in harten ökonomischen Fakten niederschlagen werden. Eine Leitzinsanhebung würde daher zum jetzigen Zeitpunkt eher prozyklisch in Richtung abnehmender gesamtwirtschaftlicher Aktivität wirken. Das sollte auch den Notenbank-Gouverneuren bewusst sein, weshalb wir keine weitere Zinserhöhung erwarten. Die US-Leitzinswende ist vorbei, bevor sie richtig angefangen hat.

Zyklischer Abschwung in den Vereinigten Staaten

Die von uns erwartete Wachstumsverlangsamung ist ein spätzyklischer Abschwung, der nicht in einer tiefen Anpassungsrezession enden wird. Dafür ist der Korrekturbedarf bei Produktivität und Kostenbelastung der Unternehmen zu gering und andere wichtige Sektoren der Volkswirtschaft, speziell der private Konsum und die Bauwirtschaft, liefern solide Unterstützung. Wir bei Union Investment rechnen daher für das Jahr 2016 mit einem US-Wachstum von nur noch 1,4 Prozent (nach 2,6 Prozent im Vorjahr). 2017 dürfte das Plus dann auf 1,1 Prozent sinken. frank_engels_union_investmentFür die Kapitalmärkte ist dieser Rückgang kein Drama. Das US-Wachstum rutscht nicht in die rote Zone und die Geldpolitik bleibt locker. In diesem Umfeld kann man an der Börse durchaus Geld verdienen. Beispielsweise dürften die Emerging Markets die großen Gewinner einer ausbleibenden US-Zinswende sein. Insofern sollte man am aktuellen Rand nicht überrascht sein, wenn in der Fed am Ende wieder einmal die Tauben das Sagen haben – und die Falken im Käfig bleiben.

Ein Beitrag von Dr. Frank Engels, Leiter Portfoliomanagement Renten und Mitglied des Union Investment Committees

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