„Spätsommerlicher Schlummer könnte bald enden“

Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions

Die italienischen Banken existieren noch, Großbritannien ist nach wie vor in der EU, Griechenland gehört weiterhin zum Euroraum – all das trug dazu bei, die Kapitalmärkte in einen spätsommerlichen Schlummer verfallen zu lassen, fasst Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions, zusammen.

Im August war die Volatilität so niedrig wie noch nie in diesem Jahr. Doch es könnte die Ruhe vor dem Sturm sein, meint Lukas Daalder von Robeco. Anleger sollten die bisherige Phase also genießen, solange es geht.Denn an den Aktienmärkten geht es in den Monaten September und Oktober erfahrungsgemäß wechselhaft zu. „Eine ganze Reihe von Themen – hierzu zählen beispielsweise die weitere Entwicklung in Sachen Brexit und die US-Präsidentschaftswahl – dürften zu einem Anstieg der Volatilität auf das gewohnte Niveau führen“, warnt der Robeco-Experte. Daalder rät daher bei Aktien weiter zur Vorsicht und bleibt bei Anleihen übergewichtet. Aktuell verhalten sich die Finanzmärkte nach dem Motto: Keine Neuigkeiten sind gute Neuigkeiten. „Im August war die Volatilität so niedrig wie in keinem anderen Monat im laufenden Jahr. Interessanterweise galt das für alle wichtigen Anlageklassen“, resümiert Lukas Daalder, Chief Investment Officer von Robeco Investment Solutions. So erreichten der VIX, der die in Derivaten auf den US-Aktienmarkt implizierte Volatilität misst, der für US-Anleihen geltende MOVE und sogar der auf Währungsschwankungen bezogene CVIX ihren Jahrestiefstand jeweils Anfang August. Die Renditen 10-jähriger US-Staatsanleihen bewegten sich im August im engsten Band seit fast zehn Jahren. Anfang September wies der Aktienindex S&P 500 seit 40 Handelstagen keine stärkere Tagesschwankung von mehr als einem Prozent auf. Daraus schlussfolgert der Robeco-Experte: „Volatilität stellte an den Finanzmärkten die geringste Sorge dar.“

Weder Ölpreis noch Geldpolitik bewegen den Markt derzeit

Daalder zufolge liegt der Grund für diesen Rückgang der Volatilität schlichtweg darin, dass in den letzten beiden Monaten die Themen fehlten, die den Markt hätten bewegen können: Der Ölpreis schwankt seit nunmehr vier Monaten zwischen 42 und 50 US-Dollar pro Barrel, gleichzeitig verharrten die Notenbanken in einer abwartenden Haltung. „Die Notenbanker versuchten aus den Wirtschaftsdaten abzulesen, ob sie wie im Fall der US Federal Reserve die Leitzinsen anheben können, oder ob wie bei der Bank of Japan noch mehr monetäre Anreize nötig sind”, erklärt Daalder. „Die entsprechenden Analysen fielen nicht sonderlich schwer, da die meisten Daten den Annahmen entsprachen und keine eindeutigen Signale für zu erwartende Änderungen der Geldpolitik lieferten.” Darüber hinaus endete die Gewinnberichterstattung für das zweite Quartal ohne Überraschungen, größere politische Ereignisse blieben aus und auch in finanzieller Hinsicht geschah nichts Weltbewegendes. „Die italienischen Banken existieren noch, Großbritannien ist nach wie vor in der EU, Griechenland gehört weiterhin zum Euroraum – all das trug dazu bei, die Kapitalmärkte in einen spätsommerlichen Schlummer verfallen zu lassen”, fasst Daalder zusammen.

Niedrige Volatilität kommt Aktienmärkten zugute, doch Vorsicht ist angesagt

Sollten Anleger sich angesichts der fehlenden Kursschwankungen Sorgen machen? „Einerseits: nein. Phasen mit niedriger Volatilität gab es auch früher schon. Sie dauern für gewöhnlich nicht länger als zwei Monate. Gefährlicher sind längere Zeiträume mit geringen Kursschwankungen, da sie ein falsches Gefühl von Sicherheit vermitteln und Anleger dazu verleiten, mehr Risiko einzugehen“, so Daalder. Allerdings ist der Robeco-Experte davon überzeugt, dass Anleger sich nach der hohen Volatilität zu Jahresbeginn der Risiken bewusst sind, sodass hier aktuell nicht die Hauptgefahr liege. „Doch andererseits gibt es eine direktere und kurzfristigere Folge: Aktienmärkte mögen niedrige Volatilität. Auch wenn die täglichen Kursgewinne nicht sonderlich eindrucksvoll sind, ist der zugrundeliegende Kurstrend in Phasen geringer Volatilität fast immer positiv. Wenn wesentliche Neuigkeiten ausbleiben, zeigen Aktien eine naturgemäße Tendenz zu steigenden Notierungen.” Laut Daalder zeigen sich beim S&P 500 Index seit 1930 insgesamt 24 Zeiträume, in denen die Volatilität für mindestens zwei Monate niedrig blieb. In diesen Phasen stiegen die Aktienkurse im Schnitt um 4,6 Prozent. www.robeco.de