Kaffeesatz lesen – oder reale Geldpolitik?

Wir schaffen das oder Kaffeesatz
Ein Herz und Mut zu Entscheidungen wäre sinnvoll © topshots - Fotolia.com

In Europa kann schon keiner mehr die Guru-Meinungen zu „Zins“ oder „Brexit“ ertragen. Es fehlt ein klares Statement wie es in der Realwirtschaft weiter gehen soll. „Wir schaffen das“ wäre ein Motto.

2016-07-28 (fw/db) Wie allgemein erwartet lässt hat die nordamerikanische Notenbank Fed gestern entschieden, die Zinsen unverändert zu lassen – zum fünften Mal in Folge. Was ihre wirtschaftliche Prognose für die USA anbelangt, fällt diese positiver aus als noch im Juni 2016. Verbessert haben sich gemäß Fed die kurzfristigen Wirtschaftsrisiken, der Arbeitsmarkt sei stärker geworden und der private Konsum sei stark gewachsen. Die Finanzmärkte reagierten kaum auf diese Entscheidung. „Fed up, Fed down or totally fed up? Zinsen hoch, Zinsen runter oder die Faxen langsam dicke? Es hat jedenfalls etwas von Kaffeesatzlesen“, meint Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Euler Hermes Gruppe. Alle Welt wartet jeweils auf die Entscheidung der amerikanischen Zentralbank Federal Reserve, kurz Fed, wie es mit ihrer Geldpolitik weiter geht. Das Warten geht nach der gestrigen Entscheidung, die Zinsen unverändert zu lassen, allerdings weiter.

Ludovic Subran: Maximal eine Zinserhöhung in 2016

Euler Hermes erwarte immer noch maximal eine Anhebung im Jahr 2016. Die Fed habe offen gelassen, ob im September 2016 eine Zinsanhebung stattfindet. Das Warten geht also in der Finanzwelt weiter, das Kaffeesatzlesen leider auch. Die sich verbessernden Prognosen untermauern jedoch nach Euler Hermes Einschätzung einer einmaligen Anhebung weiter. Ob dies im September oder vielleicht erst Dezember 2016 der Fall sein wird, gelte es letztlich abzuwarten. Bereits im gestrigen Meeting hatte jedoch Esther George für einen sofortige Zinserhöhung von 25 Basispunkten gestimmt – bei der letzten Entscheidung war sie noch für eine Beibehaltung der aktuellen Zinssätze.

Fed als Verteidigungslinie der USA?

Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve wird von vielen Amerikanern als die erste – oder letzte – Verteidigungslinie der heimischen Wirtschaft gesehen. Ihr Vorsitzender, die sechs Gouverneure und zwölf regionale Präsidenten sollen die Alarmglocken läuten und auf Gefahren reagieren. Sie besetzen die Festungsmauern in unsicheren Zeiten, öffnen die Tore, wenn es im Land friedlich ist. Und – jetzt kommen wir zum Kernpunkt – es gilt nach wie vor, dass es der Weltwirtschaft gut geht, wenn es den USA gut geht. Wenn die Fed also eine Zinserhöhung in Aussicht stellt, könnte dies die Schwellenländer zum Taumeln bringen. Und wenn ihre Chefs Zinssenkungen forcieren, gibt es reichlich Liquidität. Wenn die Fed aber kommuniziert, dass es eventuell das eine tut, eventuell aber auch das Gegenteil, wird es langsam interessant. Und schwierig.

Brexit verunsichert, aber nicht mehr lange

Das Brexit-Referendum hat die globalen Finanzmärkte erschüttert und der S&P 500 Index in den USA hat binnen zwei Tagen 5,3 Prozent an Wert verloren. Allerdings hat sich der rasante Ausverkauf als reflexartige Reaktion erwiesen und der Markt hat bereits 90 Prozent dieser Verluste wieder wettgemacht. Was die reale US Wirtschaft betrifft, wird der Brexit sehr wahrscheinlich so gut wie keinen Effekt haben. Nach der Meinung von Euler Hermes Experten, wird erwartet dass zwischen 2017 und 2019 kumuliert maximal 0,2 Prozent des amerikanischen Bruttoinlandprodukts (BIP) auf das Brexit-Konto gehen könnten – das ist schon fast so etwas Ähnliches wie ein virtueller Rundungsfehler.