Ist eine Zinswende realistisch?

Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter, I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH / Foto: © I.C.M.

Zum Beginn des neuen Jahres überschlagen sich die Prognosen der Analysten. Auch die Masse derer, die sich in ihren Aussagen (vor den Ereignissen) zu den Auswirkungen von Brexit, einer Trumpwahl oder das italienische „Nein“ auf die Kapitalmärkte massiv geirrt hatten. Sie sprechen jetzt von der Zinswende, weil die amerikanische Notenbank die Leitzinsen um 0,25 Prozent auf immer noch historisch tiefe 0,50 Prozent bis 0,75 Prozent erhöht hat. Am 31. Januar 2001 nahm in den USA die Zinssenkungsorgie mit der Reduzierung auf sechs Prozent (von 6,5 Prozent) ihren Lauf.
Die beiden Zinserhöhungen in homöopathischen Größen in den Dezembermonaten 2015 und 2016 haben zunächst nur psychologische Wirkungen. Denn mit Hilfe der „Bekanntmachung“ der Zinswende sind die Zinsen gestiegen. Für zehnjährige Bundesanleihen von minus 0,19 Prozent auf plus 0,24 Prozent. Sicher ein Grund massiv einzusteigen (Satire). In USA immerhin von etwa 1,4 Prozent auf über 2,50 Prozent. Das bedeutet, dass die Käufer vom Sommer bei zehnjährigen Treasuries bereits zehn Prozent Kursverluste eingefahren haben. Das ist aber nicht so bedeutend. Aber, die Schuldner müssen nun auch fast das Doppelte aufwenden. Diese Seite muss unbedingt betrachtet werden.
Der globale Schuldenberg ist laut MC Kinsey bei den größten Volkswirtschaften auf ca. 230 Billionen Dollar angewachsen. Besonders „erwischt“ es derzeit die Emerging Markets-Länder, die aufgrund ihrer hohen Verschuldung (ca. 10 Bill. US-Dollar) nicht nur unter den gestiegenen Zinsen leiden, sondern auch unter dem starken Dollar. Der Mehraufwand wird in der lokalen Währung meist über erhöhte Schuldenaufnahme finanziert, was die Probleme weiter verschlimmert.
Die Europäer müssen aber kein Mitleid haben. Die europäische Bilanz ist auch keine Medizin für Magengeschwüre. 14 von 19 Länder der Eurozone überschreiten die Maastricht-Kriterien (60 Prozent Kredit vs. BIP). Auch Deutschland (ca. 71 Prozent). Damit gehören wir aber noch zu den „Einäugigen“. Sechs Länder liegen über 100 Prozent. Griechenland (ca. 170 Prozent) und Italien (ca. 140 Prozent) führen die Tabelle an. Italien stellt aufgrund der Größenordnung (über zwei Bill.), der schwachen Wirtschaft und der kriselnden Banken ein besonders hohes Risiko dar.
Aufgrund der Dollarstärke könnte der Anleger meinen, die USA sind das „rettende Ufer“. Weit gefehlt. Die Verschuldung (ca. 20 Bill.) hat sich seit 2008 verdoppelt und überschreitet wohl 2017 die 100-Prozent-Grenze zum BIP. Mit den Steuersenkungsplänen, den Infrastrukturvorhanden des neuen Präsidenten und dem ohnehin vorhandenen Haushaltsdefizit muss mit der nächsten Schuldenverdoppelung in acht bis zehn Jahren gerechnet werden. Bei höheren Zinsen aufgrund des dann stark wirkenden Zinses-Zins-Effektes schon früher. Aber schon bei aktuellem Schuldenstand errechnet sich bei einer durchschnittlichen Kreditverteuerung um ein Prozent ein jährlicher Mehraufwand im Haushalt von 200 Mrd. Der aktuelle Zinsaufwand von ca. 400 Mrd. würde sich bei einem Anstieg der Zinsen von zwei Prozent verdoppeln, wäre dann höher als der Militärhaushalt und würde etwa 20 Prozent der Staatsausgaben verschlingen. Außerdem wäre dieser Zinsanstieg im Hinblick auf die geplanten Steuersenkungen kontraproduktiv für Konsum und Bauwirtschaft.
Die seit Anfang 2016 steigenden Rohstoffpreise, die mit den Infrastrukturvorhaben stabil bleiben dürften, könnte die Inflation zum „black swan“ in 2017 werden. Sollte Trump sogar noch Importzölle erhöhen, um Arbeitsplätze von China nach USA zurückzuholen, sind die inflationären Auswirkungen gravierend negativ. Black swan dann, wenn den Anlegern klar wird, dass die Notenbanken der höheren Inflation keine adäquat höheren Zinsen entgegenstellen können. Die Realzinsen laufen (weiter) ins Minus. Am 120 Bill. großen Bondmarkt erwacht die Angst. Verstärkt durch Rentenderivate von über 500 Bill. Es entsteht ein Teufelskreis aus steigender Inflationserwartung und Verkaufswillen an den Bondmärkten.
Und wenn ich den festen US-Dollar sehe, dessen Kaufkraft zum Euro bei 1,20 bis 1,30 geschätzt wird, dann gewinne ich den Eindruck, die Wanderer (Anleger) flüchten aufgrund des anziehenden, schweren Gewitters unter einen großen Baum. Wehe, wenn die Anleger das Risiko unter dem US-Dollar-Baum erkennen.
Aufgrund der obigen Zahlen fällt das Fazit leicht. Erstens: Die Welt kann sich eine Zinswende überhaupt nicht leisten. Zweitens: Ein Crash an den Bondmärkten könnten die Notenbanken nur sehr schwer abfangen. Langlaufende Bonds daher meiden.

Kolumne von Rolf Ehlhardt, Vermögensverwalter, I.C.M. Independent Capital Management Vermögensberatung Mannheim GmbH