Ist die Zeit deutscher Staatsanleihen passé?

Dr. Tobias Burggraf, Portfolio Manager bei Ethenea Independent Investors S.A - Foto: © Ethenea

Aktien als attraktive Sachwerte sind seit geraumer Zeit sozusagen das A und O bei den Investoren. Insbesondere aus Renditegründen greifen viele zu Aktieninvestments jeglicher Art. Sind deutsche Staatsanleihen damit in der Portfolioallokation obsolet geworden? Mitnichten! Dr. Tobias Burggraf, Portfolio Manager bei Ethenea Independent Investors S.A., unterzieht  wirft einen Blick auf die aktuelle Lage am Anleihenmarkt.

Nachfrageboom dank Corona

„Tatsächlich ist es so, dass die Renditen für 10-jährige Bundesanleihen seit Anfang des Jahres um rund 25 Basispunkte gestiegen sind“, bestätigt Dr. Burggraf. „Da steigende Anleihenrenditen allerdings mit fallenden Kursen einhergehen, hat ein Investor, der seit Anfang des Jahres in deutsche Staatsanleihen investiert ist, effektiv rund zwei Prozent verloren. Dennoch ist die Menge an im Umlauf befindlichen Bundesanleihen[1] in den letzten Monaten sogar noch deutlich zurückgegangen und liegt laut aktuellen Berechnungen von Bloomberg bei nur noch 11 Prozent.“ Bundesanleihen sind somit nach wie vor stark nachgefragt. Doch diese hohe Nachfrage trifft auf das beschriebene geringe Angebot, was wiederrum das Aufwärtspotential der Renditen begrenzt.

Doch wer kauft noch deutsche Staatsanleihen angesichts des aktuellen Renditeniveaus? Vor allem professionelle Anleger und öffentlich-rechtliche Institutionen treten weiterhin als Käufer auf. Dr. Tobias Burggraf weiß, warum dies so ist: „Versicherungen und Pensionskassen sind aus aufsichtsrechtlichen Gründen gezwungen, einen bestimmten Anteil an hochwertigen Vermögenswerten zu halten, um die langfristige Bedienbarkeit der Pensions- und Versicherungsleistungen sicherzustellen. Daher kaufen sie in der Regel langlaufende Anleihen und halten diese dann bis zur Endfälligkeit. Banken wiederum halten Bundesanleihen für ihre Liquiditätsreserve. Benötigen sie Zentralbankgeld, können sie Bundesanleihen als Sicherheiten in Rückkaufvereinbarungsgeschäften, sogenannte Repos, bei der Zentralbank hinterlegen.“

Allerdings gibt es inzwischen kaum noch genügend Bundesanleihen, um die hohe Nachfrage auf dem Repo-Markt zu befriedigen. Grund hierfür sind die Zentralbanken, die seit der Corona-Krise auch wieder verstärkt als Käufer auftreten, um die Wirtschaft im Euroraum anzukurbeln. „Die Bundesbank hat im Auftrag der EZB fast ein Drittel aller ausstehenden deutschen Staatsanleihen aufgekauft. Nach den Regelungen des EZB-Anleihekaufprogramm PSPP wären maximal 33 Prozent erlaubt“, erläutert der Experte. „Diese Grenze wurde mit dem Pandemie-Anleihekaufprogramm PEPP aufgehoben. Hinzu kommen weitere 11 Prozent, die von der Finanzagentur gehalten werden. Damit liegt der Anteil der im Besitz von staatlichen Institutionen befindlichen Bundesanleihen bei weit über 40 Prozent. In gewisser Weise haben also die strengen regulatorischen Anforderungen und die Pandemie-Anleihenkaufprogramme das Angebot deutlich verknappt und dazu geführt, dass die Anleger nun händeringend nach Nachschub suchen.“ Gleichzeitig haben die günstigen Finanzierungsbedingungen und die zunehmende Verschuldung von Staaten und Unternehmen zu einer Verschlechterung der Kreditprofile und einer Reihe von Herabstufungen durch die Rating-Agenturen geführt, wodurch sich das investierbare Universum an Wertpapieren mit AAA-Rating weiter verringert hat.

Anleihen als Investment für jedermann

Sind Bundesanleihen also nur noch etwas für Profis und Zentralbanken? Dr. Tobias Burggraf widerspricht: „Nein, auch im Portfolio des durchschnittlichen Sparers kann eine Beimischung von Anleihen weiterhin Sinn machen – zumindest solange man Staatsanleihen vornehmlich als Instrument zur Absicherung von Verlusten versteht. Aufgrund ihrer geringen Volatilität und niedrigen Korrelation mit anderen Anlageklassen wie Aktien bieten Staatsanleihen einen wirksamen Schutz gegen Marktturbulenzen und steigen in Extremsituationen deutlich im Kurs, wenn alle anderen Vermögenswerte fallen.“

Ein passendes Beispiel konnte man jüngst an den internationalen Marktplätzen beobachten, als die Sorge um die sich rasant ausbreitende Omikron-Variante zu einem Kursrutsch an den globalen Aktienmärkten führte, während Bundesanleihen dagegen deutlich zulegen konnten. Doch wie gestaltet sich die mittelfristige Zukunft unabhängig von solchen Sonderereignissen? Dr. Tobias Burggraf gibt eine Einschätzung ab: „Eine schrittweise Abkehr von der ultralockeren Geldpolitik durch die EZB wird voraussichtlich zu einem moderaten Anstieg der Renditen führen. Dennoch haben Bundesanleihen aus einer Risikomanagement-Perspektive weiterhin ihre Daseinsberechtigung. Die letzten Tage haben das noch einmal eindrucksvoll unter Beweis gestellt.“ (ah)